Montag, 16. Oktober 2017
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VHB Gruppe

  

Kernaktivitäten

 

80. Pfingsttagung des VHB

23. bis 25. Mai 2018 in Magdeburg

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Vorboten des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik

Nachdem ab 1898 Handelshochschulen gegründet worden waren und sich das Fach dort und in der Praxis – gerade auch im Rahmen der Preiskontrollen während des Ersten Weltkriegs – allmählich entwickelt hatte, etablierte sich die Betriebswirtschaftslehre während der Weimarer Republik mehr und mehr auch an den Universitäten: Die Einrichtung zumindest von Lehraufträgen, meist aber auch Professuren für Betriebswirtschaftslehre (BWL) wurde für Universitäten mit wirtschaftswissenschaftlicher Ausrichtung zunehmend wichtiger – und auch notwendig –, wollten sie gegenüber anderen Hochschulen nicht in Bezug auf Ansehen und Studentenzuspruch zurückfallen.

 

Auch die Vertreter der neuen Disziplin waren teilweise von den politischen Wirren der Zeit betroffen: Schon früh in der Weimarer Republik gab es bspw. unter den jüdischen Hochschullehrern Angst vor rassistischen Anfeindungen. Ein Beispiel ist die Reaktion des jüdischen Bankiers Nathan Steins auf ein Angebot, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges einen betriebswirtschaftlichen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule (TH) Karlsruhe anzunehmen: Stein zögerte zunächst, den Lehrauftrag anzunehmen. Wie er lange nach dem Zweiten Weltkrieg dem Karlsruher Oberbürgermeister schrieb, stand er dem Vorschlag skeptisch gegenüber, da er fürchtete, dass es zu antisemitischen Ausschreitungen kommen werde: „Es war die Zeit der aufflammenden Voelkischen Bewegung. Es war die Zeit der Extremisten, deren Verschwoerung Erzberger und Rathenau spaeter zum Opfer fielen. Es war die Zeit schwerer antisemitischer Angriffe in der Presse, in der Oeffentlichkeit und zumal auch an den hohen Schulen. So wies ich auf meine Bedenken hin, die Aufforderung wegen meiner Zugehoerigkeit zur juedischen Religion anzunehmen: ich wolle weder der Hochschule noch mir selbst Schwierigkeiten bereiten.” „Mit feinem Lächeln” habe ihm der Vertreter der TH geantwortet, dies alles bereits erwogen zu haben, er aber nicht glaube, dass die Zweifel angebracht seien. Stein nahm schließlich den Lehrauftrag an – auf mittlere Sicht sollten sich jedoch seine Bedenken als begründet erweisen: Auch er wurde verfolgt und war schließlich gezwungen, zu emigrieren.

 

Für Alfred Isaac, den damals einzigen jüdischen Ordinarius des Faches, war ein 1930 im „Völkischen Beobachter” erschienener antisemitischer Hetzartikel (siehe Abb.) ein früher Vorbote der kommenden Schrecken. Isaac strengte zwar eine Beleidigungsklage gegen Autor und Herausgeber des Artikels an – und gewann diese auch. Seine Erschütterung über die Vorkommnisse zeigt sich aber in der Begründung seiner Klage: Man habe anscheinend auf seine „Feigheit spekuliert” – da habe „man sich aber gründlich verrechnet.” Lieber lasse er sich „erschiessen”, als seine „Ehre antasten.”

 

Bruno Rogowsky schließlich war als Rektor der Königsberger Handelshochschule wiederholt Attacken der extremen Rechten ausgesetzt – war er doch Mitglied der liberalen DDP und wehrte sich entschieden gegen nationalsozialistische Tendenzen an seiner Hochschule. Dies äußerte sich u.a. darin, dass er einen Studenten wegen dessen nationalsozialistischer Propagandatätigkeit an der Hochschule von dieser verwies sowie – trotz scharfer Proteste dagegen – jüdische Studenten bei der Stipendienvergabe nicht benachteiligte. Im Senat der Handelshochschule machte sich daher kurz vor und ab der Machtübernahme „ein scharfes Abrücken” von Rogowsky bemerkbar – auch durch betriebswirtschaftliche Kollegen wie Rogowskys Mit-Ordinarius Otto Hummel.