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Mittwoch, 16. August 2017
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80. Pfingsttagung des VHB

23. bis 25. Mai 2018 in Magdeburg

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Betriebswirte und Betriebswirtschaftslehre nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung”

 

Nach der „Machtergreifung” betrachteten viele Betriebswirte das NS-Regime  mit einer gewissen Skepsis – wozu neben der aggressiven Haltung der Nationalsozialisten gegenüber den Hochschulen auch die wirtschaftsfeindliche Rhetorik der Nationalsozialisten beitrug. Hitler beschwerte sich beispielsweise in „Mein Kampf” darüber, dass „in eben dem Maße, in dem die Wirtschaft zur bestimmenden Herrin des Staates” aufgestiegen sei, „das Geld der Gott” geworden sei, „dem alles zu dienen und vor dem sich jeder zu beugen” gehabt habe. „Immer mehr” seien „die himmlischen Götter als veraltet und überlebt in die Ecke gestellt und statt ihnen der Weihrauch dem Götzen Mammon dargebracht” worden.

 

Trotz dieser und vieler ähnlich lautender wirtschaftsfeindlicher Töne aus den Reihen der Nationalsozialisten galt aber: Die BWL profitierte letztlich von der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Die planwirtschaftlichen Elemente der nationalsozialistischen Wirtschaftsverfassung erforderten eine genaue Erfassung der Kostenstrukturen der Unternehmen – und die BWL hatte in der Kostenrechnung das dafür geeignete Instrumentarium anzubieten.

 

Wie viele ihrer „Volksgenossen” arrangierten sich viele Betriebswirte daher schließlich doch rasch mit dem Regime – und unterstützten es zu einem großen Teil auch aktiv. Heinrich Nicklischs berüchtigter öffentlicher Aufruf (siehe Abb.) von 1933 an die Betriebswirtschafter, „dem Führer des neuen Deutschland alle ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen, die Ziele ihrer Forschung nach den Bedürfnissen der politischen Gestaltung zu setzen und in erster Linie die für diese maßgebenden Zusammenhänge klären zu helfen”, ist wohl das bekannteste – wenn auch nicht das gravierendste – Beispiel für die Unterstützung des nationalsozialistischen Staates durch Hochschullehrer der Betriebswirtschaftslehre.

 

 

Viele Hochschullehrer der Betriebswirtschaftslehre waren im Rahmen ihrer praktischen Tätigkeiten daran beteiligt, den nationalsozialistischen Staat zu stützen. Dies gilt insbesondere für die Mithilfe bei Gesetzesreformprojekten, bei Preisbestimmungen und -kontrollen, Unternehmensprüfungen und -beratungen sowie bei der Ausbildung des wirtschaftlichen Nachwuchses. Diese Aktivitäten sorgten u.a. dafür, dass die BWL an den Hochschulen weiter ausgebaut wurde – was sich u.a. in der Umwidmung von acht Professuren anderer Fächer in Professuren für BWL in den Jahren von 1938 bis 1943 zeigte.

 

Auffallend – wenn auch nicht überraschend – ist der hohe Anteil an NSDAP-Mitgliedern unter denjenigen Professoren, die zwischen 1933 und 1945 Ordinarien wurden: Es waren 21 von 22. Einziges Nicht-Mitglied der NSDAP unter den BWL-Ordinarien war Wilhelm Michael Kirsch; Erich Schäfer wurde erst nach seiner Ordinierung Parteimitglied. Von den Ordinarien, die ihren Rang schon vor dem 30. Januar 1933 innehatten, wurden zehn von 29 NSDAP-Mitglied. Allerdings sind die NSDAP-Mitgliedschaften als Indikator nationalsozialistischer Einstellungen nur bedingt aussagekräftig: Zwar gab es keine Zwangsmitgliedschaften für Beamte – die informellen Zwänge, in die NSDAP einzutreten, waren aber enorm. Daher war das Spektrum der „nationalsozialistischen” Einstellungen unter den NSDAP-Mitgliedern sehr weit.

 

Betrachtet man das Verhalten der Hochschullehrer der BWL im Dritten Reich näher, fällt ein klarer Generationengegensatz ins Auge: Als lautstarke Fürsprecher des Dritten Reichs und engagierte Nationalsozialisten gebärdeten sich an den Hochschulen vor allem Teile des aufstiegswilligen Nachwuchses. Prominente Beispiele dafür sind Walter Thoms, Walter Weigmann und Hans Herbert Hohlfeld. In vielen Fällen folgte diese Personengruppe aber mit ihrem ostentativen Nationalsozialismus eher opportunistischen, karrierestrategischen Interessen als wirklicher Überzeugung; Thoms ist als überzeugter (und sehr gut mit Parteistellen vernetzter) Nationalsozialist eine der wenigen Ausnahmen. Viele etablierte Hochschullehrer der BWL betrachteten den Nationalsozialismus eher skeptisch. Zudem galt auch für die Betriebswirte, wie für die meisten Deutschen: Je länger das NS-Regime andauerte, desto mehr schwand seine Popularität.

 

Nationalsozialistische Parteistellen und nationalsozialistische Betriebswirte versuchten im Verlauf des Dritten Reichs wiederholt, die Betriebswirtschaftslehre zu politisieren und ideologisieren. Diese Versuche erwiesen sich allerdings als nicht so erfolgreich, wie man das erwarten könnte; das oft und großmundig verkündete Ziel führender nationalsozialistischer Hochschullehrer und Wissenschaftspolitiker, eine nationalsozialistische Wirtschaftswissenschaft zu schaffen, ließ sich nur begrenzt realisieren. Dies beruhte zum einen auf dem primär anwendungsorientierten Charakter der BWL – zum anderen aber darauf, dass die „nationalsozialistische Betriebswirtschaftslehre” im engeren Sinne von den meisten Fachvertretern und auch den maßgeblichen Stellen im Reichserziehungsministerium - wenn auch meist unausgesprochen - als wissenschaftlich unseriös angesehen wurde. Eine klare nationalsozialistische Prägung hatte allerdings die normativ-gemeinwirtschaftliche Betriebswirtschaftslehre um Heinrich Nicklisch – was von ihren Vertretern auch deutlich betont wurde: Das von dieser Richtung gern benutzte Schlagwort von der „Betriebsgemeinschaft” war stark völkisch konnotiert. Daher ist es kein Zufall, dass gerade Schüler Nicklischs zu den aktivsten Nationalsozialisten unter den Betriebswirten gehörten. Wie schon vor 1933 blieb allerdings auch während des Dritten Reichs der Einfluss der normativen Richtung der BWL recht begrenzt.

 

Berufungen erfolgten in der NS-Zeit, trotz aller gegenteiligen Rhetorik, mit der die Berufung explizit nationalsozialistischer Hochschullehrer gefordert wurde, letztlich weitgehend nach der wissenschaftlichen Qualifikation der Kandidaten. Versuche von Parteistellen und nationalsozialistisch eingestellten Betriebswirten, ausgewiesene, aber fachlich minder qualifizierte Nationalsozialisten auf freie Professuren zu berufen, scheiterten meist am Widerstand der Fakultäten und des nationalen Kultusministeriums, des „Reichserziehungsministeriums” (REM). Allerdings führten die Unstimmigkeiten um die Berufungskandidaten häufig zu offenen Konflikten zwischen REM und Parteistellen – und damit häufig doch zu einer zumindest teilweise politisch bestimmten Auswahl: Die Partei und der nationalsozialistische Dozentenbund konnten zwar, so Wilhelm Hasenack, „gegenüber einer fest bleibenden Fakultät” eine bestimmte Berufung nicht erzwingen. Der NS-Dozentenbund hatte aber „bei Berufungen (...) praktisch ein Veto-Recht”.

 

Große Veränderungen brachte der Zweite Weltkrieg auch für die Wissenschaft mit sich: Nach Kriegsbeginn wurden zunächst die Universitäten und Hochschulen geschlossen – dann allerdings schon relativ bald, meist Anfang 1940, wieder eröffnet. Offiziell wurden während des Krieges keine neuen Stellen eingerichtet; allerdings gab es einige Ausnahmen von dieser Regelung. Viele Betriebswirte wurden einberufen; einige praktisch den ganzen Krieg über. Viele Studenten des Fachs – und auch einige Hochschullehrer, u.a. die Professoren Fritz Fleege-Althoff und Walter Weigmann – fielen während des Krieges. Die Betriebswirte, die weiter an den Universitäten verbleiben konnten, waren stets von der Aufhebung der Einstufung als „unabkömmlich” und damit dem Kriegseinsatz bedroht; dies galt besonders für politisch verdächtige Hochschullehrer wie den liberalen Rudolf Johns. Gerade in der Endphase des Krieges gehörten auch Betriebswirte zu den Opfern der Bombardements deutscher Städte: In Berlin wurde bei einer Bombardierung, von der auch die Wirtschaftshochschule betroffen war, nahezu das gesamte Seminar Konrad Mellerowiczs getötet.