Dienstag, 17. Oktober 2017
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Kernaktivitäten

 

80. Pfingsttagung des VHB

23. bis 25. Mai 2018 in Magdeburg

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Die Opfer der NS-Machtergreifung

In wenigen Gesetzen wurde die Quintessenz des nationalsozialistischen Unrecht-Staates so deutlich wie im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” (BBG) vom 7. April 1933. Schon in dessen erstem Paragraphen heißt es: „Zur Wiederherstellung eines nationalen Berufsbeamtentums und zur Vereinfachung der Verwaltung können Beamte nach Maßgabe der folgenden Bestimmungen aus dem Amt entlassen werden, auch wenn die nach dem geltenden Recht hierfür erforderlichen Voraussetzungen nicht vorliegen.” Das Gesetz erlaubte es dem Regime, scheinlegal sowohl Juden als auch politisch missliebige Beamte zu entlassen; es beinhaltete auch mehrere unbestimmte Rechtsbegriffe, die es möglich machten, praktisch jeden dem Regime verdächtigen oder unliebsamen Hochschullehrer zu entlassen. Davon waren neben Juden weltanschauliche Gegner des Nationalsozialismus sowie u.a. auch ehemalige Freimaurer betroffen.

 

Das BBG führte zu zahlreichen Entlassungen von BWL-Hochschullehrern. Die große Mehrzahl der Vertreter der BWL setzte sich jedoch nicht für die entlassenen Kollegen ein; es gab, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Proteste gegen das nationalsozialistische Regime – viele Betriebswirte nahmen vielmehr die besseren Arbeitsbedingungen, die sich durch den Aufschwung des Faches an den Hochschulen und in der Praxis ergaben, bereitwillig an.

 

Zwei Hochschullehrer mit Berührungspunkten zur BWL wurden durch das NS-Regime ermordet: Der Prager Gustav Flusser (1885–1940) und der Mannheimer Joseph Koburger (1878–1942): Flusser, der wohl 1940 in Theresienstadt starb, hatte in Prag einen Lehrauftrag für Betriebslehre inne. Koburger, der wohl 1942 in Auschwitz ermordet wurde, war Direktor einer Versicherungsgesellschaft und in Mannheim von 1919 bis 1933 nebenamtlicher Professor für Versicherungswissenschaft gewesen.

 

Besonders bedroht durch die Verfolgungspolitik des NS-Regimes waren jüdische Hochschullehrer – von denen es aber im Fach vergleichsweise wenige gab. Diese wenigen emigrierten meist schon 1933 oder in den folgenden Jahren ins sichere Ausland, also noch vor dem Einsetzen der systematischen nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Was es allerdings gab, war eine relativ hohe Anzahl an Freitoden – wenn es auch in den betreffenden Fällen häufig schwer ist, nachträglich festzustellen, ob die Selbstmorde direkt auf die politischen Pressionen zurückzuführen sind oder primär anderen Ursachen geschuldet waren. Betriebswirte, die durch Freitod aus dem Leben schieden, waren:

 

·         Der Münsteraner Privatdozent Albert Rasch (1885–1933) nahm sich 1933 das Leben – wohl, weil ihm aus Rassegründen die erhoffte Berufung verwehrt worden war.

 

·         Hugo Kanter (1871–1938), Syndikus der Braunschweiger Handelskammer, wurde 1933 aus „rassischen” Gründen als außerordentlicher Professor der TH Braunschweig entlassen. Er emigrierte mit seiner Frau 1933 in die Schweiz, kehrte aber 1938 nach Deutschland, nach Berlin, zurück. Dort nahm er sich das Leben.

 

·         Fritz Schönpflug (1900–1936) emigrierte 1933 in die Schweiz, da seine Frau jüdischstämmig war. Er habilitierte sich in Bern und wurde dort 1936 auch zum Privatdozent ernannt. Nachdem seine Frau an einer schweren Krankheit gestorben war, nahm er sich jedoch das Leben, bevor er sein Amt antreten konnte.

 

·         Fritz Lehmann (1901–1940), der möglicherweise talentierteste junge Betriebswirt der Weimarer Republik, sah sich aus „rassischen” Gründen gezwungen, 1934 in die USA zu emigrieren. Dort wurde er – u.a. auf Empfehlung Schmalenbachs und Walbs – an Alvin Johnsons berühmter New Yorker „University in Exile”, der späteren „New School for Social Research”, Professor für Volkswirtschaftslehre. 1940 beging Lehmann Selbstmord. Die Ursachen seiner Entscheidung zu diesem Schritt blieben allerdings ungeklärt.

 

Den äußerst schwerwiegenden Schritt in die Emigration – in ein völlig neues Umfeld, in eine unsichere Zukunft, die bisherigen Bindungen zwangsweise gelöst – mussten noch weitere Betriebswirte auf sich nehmen:

 

·         Julius Hirsch (1882–1961) wurde 1917 in Köln der erste jüdische Ordinarius des Fachs; während des Ersten Weltkrieges war er führend in der Kriegswirtschaftsverwaltung tätig; in der Frühphase der Weimarer Republik war er Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und Berater Walther Rathenaus. In Berlin wurde er nach seiner Tätigkeit in der Politik sowohl an der Universität als auch an der Handelshochschule zum Honorarprofessor berufen. 1933 wurde Hirsch sofort an beiden Hochschulen entlassen und emigrierte im Anschluss zunächst nach Dänemark, wo er Professor wurde. Nach dem deutschen Einmarsch in Dänemark zog Hirsch nach New York. Auch dort wurde er – an der New School – Professor. Während des Krieges war Hirsch u.a. von 1941 bis 1943 „Chief Consultant” des „Office of Price Administration” in Washington.

 

·         Alfred Isaac (1888–1956) war nach Julius Hirsch der zweite jüdische – bzw., in Isaacs Fall, jüdischstämmige – Hochschullehrer der BWL, der ordentlicher Professor des Fachs wurde. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er als Professor der Nürnberger Handelshochschule entlassen, obwohl er davor eigentlich durch seine Eigenschaft als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs gesetzlich geschützt gewesen wäre. Allerdings verweigerten ihm die Behörden mit fadenscheiniger Begründung die hierfür erforderliche offizielle Bestätigung der Frontkämpfereigenschaft. Isaac blieb bis 1937 in Deutschland, erhielt dann einen Ruf auf den neu errichteten Lehrstuhl für BWL an der Istanbuler Universität – und nahm diesen an. Nach seiner Übersiedlung trieb Isaac den Aufbau der türkischen BWL entschieden voran – er musste dafür das ganze Fach von Grund aus aufbauen. Anfang der fünfziger Jahre kehrte er aber nach Deutschland zurück – zunächst 1950 als Lehrbeauftragter und ein Jahr später als Honorarprofessor in Göttingen. Schon kurze Zeit später, 1952, nahm er einen Ruf auf ein Ordinariat an seiner alten Heimstätte, der Handelshochschule Nürnberg, an.

 

·         Siegfried Berliner (1884–1961), jüdischer Lehrbeauftragter an der Leipziger Handelshochschule und Vorstand beim Deutschen Lloyd, wurde 1933 seines Lehrauftrages an der Hochschule entbunden; auch Berliners Stellung in seinem Hauptberuf verschlechterte sich ab 1933 aufgrund antisemitischer Attacken stetig. Im Mai 1938 emigrierten Berliner und seine Frau Anna daher in die USA. Bei der Auswanderung erlitten sie erhebliche materielle und immaterielle Verluste. In den USA bemühte sich Berliner intensiv, eine neue Beschäftigung zu finden; dies fiel ihm aber gerade in der Anfangszeit seiner Emigration äußerst schwer. Später gelang es ihm zwar, Anstellungen zu finden – diese waren aber meist nur von kurzer Dauer.

 

·         Friedrich Kürbs (1889–1956) wurde als ehemaliges SPD-Mitglied, das schon 1925 vor den Nationalsozialisten gewarnt hatte, am 28. Februar 1934 aus politischen Gründen seiner Stellung als außerordentlicher Professor in Königsberg enthoben. Seine ersten Emigrations-Bemühungen verliefen erfolglos. 1937 gelang Kürbs aber schließlich doch die Emigration: Er wanderte nach Peru aus und war von 1937 bis 1950 in Lima Professor der Statistik und Konjunkturforschung an der ältesten Universität Amerikas, San Marco. Zudem war er Leiter des Nationalen Statistischen Amtes von Peru. Als Kürbs nach dem Zusammenbruch an die Ost-Berliner Humboldt-Universität berufen werden sollte, scheiterte seine Rückkehr wiederholt an Passproblemen; als sie schließlich erfolgte, blieb Kürbs die Rückkehr in die akademische Laufbahn verwehrt. Er nahm daher 1950 eine Stelle im West-Berliner Statistischen Landesamt an und wurde kurz darauf auch dessen Leiter.

 

·         Weniger bekannt als Betriebswirt denn als Person des öffentlichen Lebens war Nathan Stein (1881–1966), zunächst Lehrbeauftragter, dann (Honorar-)Professor an der TH Karlsruhe. Stein war Bankier und Mitinhaber des Bankhauses Strauß; zudem war er Präsident des badischen Oberrates der jüdischen Gemeinde. Er war in Karlsruhe ein Wegbereiter der Betriebswirtschaftslehre, bevor sich diese dort als eigenständige Disziplin etabliert hatte: Schon vor dem Ersten Weltkrieg hielt er betriebswirtschaftliche Vorlesungen ab. 1925 wurde Stein zum Honorarprofessor der TH ernannt – 1933 aber aus „rassischen” Gründen dieses Amtes enthoben. In der Folgezeit setzte er sich im Reich für die Rechte der verfolgten Juden ein – u.a. als Mitbegründer und Beirat der Reichsvertretung der deutschen Juden. 1937 wanderte er nach New York aus, wo er Präsident der „American Federation of Jews from Central Europe” wurde und maßgeblich am Aufbau des „Leo Baeck Institute” beteiligt war.

 

·         Alfred Manes (1877–1963) war einer der renommiertesten deutschen Versicherungswissenschaftler: Vor dem Erstem Weltkrieg war er Generalsekretär des Deutschen Vereins für Versicherungswirtschaft, zeitweilig war er Schriftleiter der „Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft” und Herausgeber des „Versicherungs-Lexikons”. Im November 1933 wurde Manes von der Berliner Handelshochschule die Lehrbefugnis entzogen, nachdem er im „Sommerhalbjahr 1933 (...) noch mit Zustimmung des Rectors, wie in den vorangegangenen 53 Semestern”, seine „üblichen Vorlesungen und Übungen angekündigt” hatte. Bald darauf emigrierte er. Im Oktober 1936 wurde Manes Gastprofessor an der Indiana University; nach einigen Schwierigkeiten wurde er dort schließlich auch „full time Professor of Insurance and Economic Research”. Nach seiner Emeritierung lebte er teilweise in finanziell sehr bedrängten Verhältnissen.

 

·         Wilhelm Friedrich Riester (1902–1980) war in Berlin Assistent Willy Prions an der Technischen Hochschule gewesen. Im Juli 1934 musste er diese Tätigkeit beenden, da seine Frau Jüdin war. Er konnte sich daher nicht, wie ursprünglich von ihm angestrebt, habilitieren. Nach einer kurzen Zeit als freier Mitarbeiter Prions und einer selbständigen Tätigkeit in der Industrie emigrierten Riester und seine Frau im November 1936 nach England, wo Riester schnell beruflich Fuß fassen konnte. Nach Kriegsbeginn wurde er als Deutscher zwar kurzzeitig interniert, bald darauf aber entlassen und in die Britische Armee einberufen. 1960 wurde Riester als Ordinarius nach Clausthal berufen; seinen Lebensabend verbrachte er auf Wunsch seiner Frau aber in England.

 

·         Clodwig Kapferer (1901–1997) emigrierte zwar, kehrte aber – zwangsweise – noch während des Dritten Reichs nach Deutschland zurück: Kapferer war in Köln Lehrbeauftragter für Außenhandel gewesen. Wegen einer früheren Logenmitgliedschaft und seiner politischen Einstellung hatte er wiederholt mit politischen Problemen zu kämpfen. Als diese eskalierten und drohten, seine berufliche Existenz zu vernichten, emigrierte er 1939 nach Frankreich – kehrte aber auf nationalsozialistischen Druck aus Angst um sein Leben recht bald nach Deutschland zurück. In Deutschland wurde er nach seiner Rückkehr kurzzeitig durch die Gestapo interniert und stand bis zum Ende des Dritten Reichs unter geheimpolizeilicher Überwachung. In der Nachkriegszeit, von 1949 bis 1963, war Kapferer Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs.

 

·         Martin Götz (*1903) war bis 1933 Assistent an Julius Hirschs „Forschungsstelle für den Handel”. Danach war er, als Jude, gezwungen, zu emigrieren; er ging nach London. Dort musste er sich mit Gelegenheitsarbeiten behelfen, bevor er schließlich als freiberuflicher Journalist ein halbwegs leidliches Auskommen fand – seine wissenschaftliche Karriere konnte er aber, entgegen seiner Wünsche und Hoffnungen, nicht fortsetzen.

 

·         Hermann Halberstädter (1896–1966) wurde von Eugen Schmalenbach als Fachmann für „die mechanische Seite des kaufmaennischen Rechnungswesens” hoch geschätzt. Halberstädter war in Köln seit 1925 mit Vorlesungen im Rahmen eines Seminars betraut. Im April 1933 wurde diese Betrauung vom Kurator der Universität aufgehoben, da Halberstädter nicht „arisch” war. 1935 emigrierte Halberstädter nach Kolumbien, wo er ständiger Regierungsberater wurde. Ab 1941 war er – wie schon in Deutschland – unabhängiger Unternehmensberater und Organisator, ab 1943 zusätzlich auch Professor für Wirtschaftswissenschaften an der „Universidad de los Andes” in Bogota.

 

·         Walter Schück (*1897) war einer derjenigen Lehrbeauftragten, die sich ohne die nationalsozialistischen Diskriminierungen vermutlich habilitiert hätten. Die nationalsozialistische Machtergreifung verhinderte dieses Vorhaben aber; zudem verlor Schück als Jude 1933 seinen Lehrauftrag an der Handelshochschule Berlin. Er emigrierte zunächst nach Amsterdam, dann nach New York. Trotz seiner Bemühungen gelang es ihm aber nicht, seine wissenschaftliche Karriere fortzusetzen.

 

Die in Deutschland verbliebenen regimekritischen Betriebswirte waren von schweren Verfolgungen zumindest bedroht; mögliche Verfolgungsmaßnahmen reichten von der Entlassung bis zu geheimpolizeilichen Verfolgungen und Internierungen. Während die jüdischen Betriebswirte den äußerst vielfältigen nationalsozialistischen Diskriminierung vollkommen schutzlos ausgeliefert waren, konnten ihre „arischen” Kollegen immerhin versuchen, sich gegen die Verfolgungen zu wehren. Zwar hatte dies im Normalfall wenig Aussicht auf Erfolg, es gibt aber Beispiele – wie den Fall Richard Passows in Göttingen – wo zumindest Teilerfolge erzielt wurden. Schweren Verfolgungen ausgesetzt waren:

 

 

Eugen Schmalenbach (1873–1955) war mit weitem Abstand das prominenteste Opfer des Dritten Reichs unter den Betriebswirten; der hohe Ruf der Kölner Wiso-Fakultät beruhte zu einem erheblichen Teil auf Schmalenbachs Lebensarbeit. 1933 verzichtete Schmalenbach auf sein Ordinariat. Die Gründe für seinen Rückzug waren politischer Natur: Schmalenbach stand dem Nationalsozialismus äußerst kritisch gegenüber; hinzu kam, dass seine Frau jüdisch war. Allerdings war Schmalenbach weiter wissenschaftlich tätig – insbesondere im Rahmen seiner Schmalenbach-Vereinigung. Zudem hielt er Gastvorlesungen in Skandinavien. Mehrere Rufe aus dem Ausland nahm er allerdings nicht an, da ihm von nationalsozialistischer Seite zugesichert worden war, dass er und seine Frau vor politischen Nachstellungen sicher seien. Kurz nach Kriegsbeginn wurde jedoch eine Razzia der Gestapo im Haus der Schmalenbachs durchgeführt und einige ihrer Vorräte beschlagnahmt. Die Razzia erregte enormes öffentliches Aufsehen, da Schmalenbach im Anschluss in schmutzigen Hetzartikeln (vgl. Abb.) publizistisch an den Pranger gestellt wurde. Ab 1940 wurden zudem für neue Auflagen der Bücher sowie für neue Manuskripte Schmalenbachs keine Druckerlaubnis mehr erteilt. Anders als viele seiner weniger prominenten Kollegen wurde Schmalenbach von Kollegen aber nicht fallen gelassen, sondern weitgehend weiter als die bedeutende Persönlichkeit, die er war, geehrt. Die Geburtstagsglückwünsche von Fritz Schmidt an Schmalenbach im Jahre 1943 sind dafür ein Beispiel. (Siehe Abb.) Im Herbst 1944 gerieten die Schmalenbachs in Lebensgefahr: Schmalenbach erhielt die Mitteilung, dass seine „Frau bald abtransportiert” werde. „Unter der Hand” erfuhr er, „dass das Ziel wegen Arbeitsunfähigkeit” seiner „Frau entweder Polen oder Theresienstadt sein werde.” Um diesem Schicksal zu entkommen, flohen die Schmalenbachs im September 1944 aus Köln; Schutz fanden sie bei Schmalenbachs ehemaligem Assistenten Ludwig Feist und dessen Frau, die sie in ihrem abgelegenen Landhaus unterbrachten. Dort verbrachte das Ehepaar Schmalenbach die restlichen Kriegsmonate, bevor sie, gesundheitlich stark angegriffen, wieder nach Köln zurückkehren konnten.

 

 

Bruno Rogowsky (1890–1961) trug während der Weimarer Republik als Rektor der Handelshochschule Königsberg entscheidend zur Aufwertung der Hochschule bei. Schon in der Endphase der Weimarer Republik war der politisch liberale und strikt anti-nationalsozialistische Rogowsky heftigen Attacken der extremen Rechten ausgesetzt. Diese Attacken eskalierten 1933 u.a. in einem Hetzartikel gegen Rogowsky in einer nationalsozialistischen Zeitung (s.o.) – woraufhin Rogowsky aus Königsberg floh. Nach seiner darauf folgenden Entlassung von der Handelshochschule wurde er Wirtschaftsberater; er war in dieser Zeit sowohl im Berufs- wie im Privatleben wiederholt Opfer politischer und geheimpolizeilicher Nachstellungen. Nach dem Krieg versuchte Rogowsky als Rektor der Wirtschaftshochschule Berlin zunächst, diese wieder aufzubauen und dann, nach deren Überführung an die Humboldt-Universität, zumindest ihren Geist zu bewahren – scheiterte aber auch hier an den politischen Realitäten der ihm und seinem Anliegen feindlich gestimmten Behörden.

 

·         Guido Fischer (1899–1983) wurde 1934 nichtbeamteter außerordentlicher Professur an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Danach geriet seine Karriere aus politischen Gründen ins Stocken, da er praktizierender Katholik war – und so das Misstrauen nationalsozialistischer Stellen erregte: 1939 und 1941 scheiterten die von der Fakultät beantragte Übernahme einer Dozentur neuer Ordnung durch Fischer an den Protesten von Partei und Dozentenschaft gegen Fischers „immer wieder festgestellte(...) politische(...) Unzuverlässigkeit”. Nach dem Krieg wurde Fischer bayerischer Staatskommissar für Verwaltungsorganisation, bevor er (wieder) Professor in München wurde.

 

·         Richard Passow (1880–1949) widersetzte sich in Göttingen vehement den Nazifizierungsbemühungen nationalsozialistischer Fakultätskollegen. Nach langen und hart geführten Auseinandersetzungen, auch mit dem zweiten Göttinger betriebswirtschaftlichen Ordinarius Walter Weigmann, wurde er 1938 entlassen. Passows Fall passt jedoch nicht in das übliche Muster der Entlassungen während des Dritten Reichs, da sich Passow vor Gericht und auch bei Parteistellen vehement gegen seine Entlassung wehrte – und dabei durchaus auch die Karrieren seiner nationalsozialistischen Widersacher entscheidend hemmte.

 

·         Karl Meithner (1892–1942) wurde nach dem 1938 erfolgten „Anschluss” Österreichs an das Reich von der Hochschule für Welthandel in Wien entlassen; 1942 wurde er aus politischen Gründen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und starb kurz darauf im Gefängnis.

 

·         Auch Willy Bouffier (1903–1969) wurde von der Hochschule für Welthandel nach dem „Anschluss” entlassen. Grund dafür war wohl, dass er in seiner Jugendzeit in Frankfurt ein linksdemokratisch orientierter Studentenfunktionär gewesen war. Nach seiner Entlassung arbeitete er zunächst im Einzelhandel. 1942 wurde er eingezogen, blieb allerdings nur ein Jahr bei der Wehrmacht. Von 1943 bis 1945 wurde er an die Preisüberwachungsstelle Wien dienstverpflichtet.

 

·         Waldemar Koch (1880–1963) war im Kaiserreich als Direktor eines Londoner AEG-Betriebs direkt Emil Rathenau unterstellt, dann während des Ersten Weltkrieges erst Abteilungsleiter, später stellvertretender Direktor des 1914 gegründeten (späteren) „Instituts für Weltwirtschaft”. Koch habilitierte sich 1930 an der TH Berlin und wurde dort Privatdozent. 1934 wurde er zunächst für etwa zwei Wochen von der Gestapo inhaftiert, dann wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen: Koch hatte sich an der Hochschule für Georg Schlesinger und in der Öffentlichkeit sowie bei einer Aktionärsversammlung für den ihm befreundeten Großaktionär der Engelhardt-Brauerei, Ignatz Nacher, eingesetzt, nachdem Nachers Eigentum durch eine Allianz aus nationalsozialistischen Funktionären und Dresdner Bank bedroht war (und schließlich auch zwangsweise verlustig ging); Schlesinger und Nacher waren ebenso wie Kochs Ehefrau jüdisch. Nach der erzwungenen Unterbrechung seiner Hochschultätigkeit betätigte sich Koch primär als Wirtschaftsprüfer.

 

Die Verfolgungen im Hochschulbereich richteten sich nicht nur gegen die Hochschullehrer, sondern auch gegen Studenten. Viele von diesen wurden aus „rassischen” Gründen der Universität verwiesen.

 

Die Zahl der Betriebswirte, die sich nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes selbst als Opfer dieses Regimes sahen – oder dies zumindest vorgaben –, ist recht groß: Unter anderem zählten sich Karl Sewering, Walter Le Coutre, Viktor Pesl, Franz Findeisen und Hanns Linhardt zu dieser Gruppe. In keinem der genannten Fälle hält die Behauptung allerdings einer näheren Überprüfung (vollständig) stand.