Samstag, 24. Juni 2017
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Kernaktivitäten

 

79. Pfingsttagung des VHB

7. bis 9. Juni 2017 in St. Gallen

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Die Betriebswirtschaftslehre in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wurden zunächst fast alle ehemaligen Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen durch die Siegermächte des Weltkriegs aus dem Hochschuldienst entlassen. Fast allen Professoren gelang es aber, meist schon Ende der vierziger Jahre, wieder, an die Universitäten und Hochschulen zurückzukehren – ungeachtet früherer nationalsozialistischer Betätigungen. Auch explizite Nationalsozialisten wurden nach einer gewissen „Karenzzeit” meist in ihre alten Stellen übernommen. Die prominentesten Ausnahmen sind Walter Thoms – der allerdings ab 1957 in Mannheim immerhin wieder einen Lehrauftrag erhielt – und Erwin Geldmacher. Diese beiden hatten sich in der NS-Zeit so sehr kompromittiert, gerade auch im Kollegenkreis, dass sie aufgrund der Widerstände ihrer ehemaligen Kollegen nicht wieder auf ihre vormaligen Lehrstühle berufen wurden.

 

Nach 1945 gelang es auf Initiative Einzelner – vor allem Bruno Rogowskys, Wilhelm Hasenacks und, mit Abstrichen, Eugen Schmalenbachs – zwar recht schnell, die Kontakte mit den vertriebenen Kollegen wieder herzustellen. Deren Remigrationsbereitschaft hing aber auch stark von ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Position im Emigrationsland ab – trotz ihrer fast durchgängig vorhandenen Bereitschaft zur Wiederaufnahme von Kontakten mit denjenigen Deutschen, die sich in der NS-Zeit nicht kompromittiert hatten. Bezüglich der Remigration lässt sich zudem ein einfaches Muster erkennen: Die Mehrzahl der vertriebenen jüdischen Hochschullehrer verblieb im Ausland (Alfred Isaac war eine Ausnahme), die Mehrzahl der aus politischen oder sonstigen Gründen vertriebenen Betriebswirte kehrte hingegen zurück. Allerdings blieb ihnen – vielleicht mit Ausnahme des in fortgeschrittenem Alter zum Ordinarius ernannten Riester – der wissenschaftliche Durchbruch an deutschen Universitäten dann meist versagt.

 

Die in jeder Hinsicht – so militärisch, politisch und moralisch – umfassende Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands hatte auch für die Institutionen der Betriebswirtschaftslehre Folgen: Das Fach verlor 1945 durch die Verkleinerung des untergegangenen Deutschen Reichs viele Planstellen – und auch die Diplomstudiengänge in Königsberg, Breslau und Prag. Mittelfristig ging das Fach zudem seiner institutionellen Basen in Ostdeutschland verlustig. Allerdings wurden diese Verluste im Westen schnell durch institutionelle Aufstockungen und neu eingeführte Studiengänge kompensiert. Beispiele für Universitäten, an denen sich das Fach erst nach 1945 etablierte und die große Bedeutung für das Fach erlangten, sind die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, die Universität des Saarlands sowie die Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

 

In Westdeutschland hatten nach 1945 diejenigen Betriebswirte den stärksten Einfluss auf die Disziplin, die während des Dritten Reichs zwar teilweise schon in herausgehobenen Positionen tätig waren, dem Nationalsozialismus aber zumindest verhalten kritisch begegnet waren; prominente Beispiele sind Wilhelm Hasenack, Erich Schäfer, Theodor Beste und Erich Gutenberg. Allerdings gab es in der Nachkriegszeit kaum öffentliche und nur sehr vereinzelt halböffentliche Kritik am Verhalten von Betriebswirten in der Zeit des Nationalsozialismus. Insgesamt fehlte eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit – ein Verhaltensmuster, das sich ähnlich auch in anderen Disziplinen beobachten lässt.

 

Bemerkenswert ist auch, dass der Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes nicht in offizieller Form gedacht wurde. Erst Hasenack erinnerte in einem Artikel von 1957 an die vertriebenen Betriebswirte. Allerdings geschah dies nicht ganz uneigennützig: Hasenack, der sich stark um die Zukunft des Faches sorgte – waren doch in der Zeit von 1945 bis 1955 insgesamt 16 ehemalige Ordinarien der Betriebswirschaftslehre gestorben – sah dieses mit einer „verhängnisvollen Nachwuchslage” konfrontiert. Er schlug daher eine sehr utilitaristische Wiedergutmachungspolitik vor: Die BWL solle sich der verfolgten und emigrierten Betriebswirte erinnern „und versuchen, den in solchen Fällen in der Zwischenzeit erworbenen export- und allgemein weltwirtschaftlichen Erfahrungsschatz durch Heranziehung zum Lehrbetrieb nutzbar zu machen und dadurch gleichzeitig eine ebenso faire wie u.U. produktive Art der Wiedergutmachung zu vollziehen.”

 

Der direkte politische Einfluss von Betriebswirten war in der NS-Zeit gering; stärker wurde er erst in der Nachkriegszeit: Während sich der politische Einfluss von Betriebswirten während des Dritten Reichs primär auf beratende Tätigkeiten mit engem Wirtschaftsbezug beschränkt hatte, gelangten Betriebswirte in der Bundesrepublik in Positionen direkter Machtausübung. Einige Betriebswirte, die schon im Dritten Reich beruflich aktiv waren, waren an der Gestaltung der Bundesrepublik entscheidend beteiligt: Ludwig Erhard wurde Bundeswirtschaftsminister und später Bundeskanzler; Hermann Lindrath, Joachim Tiburtius, Wilhelm Eich und Fritz Terhalle Minister bzw. Senatoren; Hanns Linhardt war Landtags- und beinahe Bundestagsabgeordneter; Waldemar Koch und Wilhelm Eich waren zudem – wenn auch nur für kurze Zeit – als Mitbegründer der Liberal-Demokratischen Partei in herausgehobenen Positionen in der SBZ tätig.

 

 

Anmerkungen:

  • Zitat Steins: Archiv des Leo Baeck Institute, Sign. AR 1209: Nathan Stein an den Karlsruher Oberbürgermeister vom 29.5.1964.  
  • Zitat Isaacs: Akten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Akten Isaac–Scheller: „2.Verhandlungstermin Prof. Dr. Isaac / Stürmer-Holz am 16.1.1931“.
  • Zitat Hitlers: Adolf Hitler, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 37. Auflage 1933, S. 255f.
  • Zitat Manes': Universitätsarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin, Bstd. HH/WH, Nr. 277, Bl. 117: Gesuch Manes' vom 27.7.1934 an die Berliner IHK.
  • Zitat Schmalenbachs: Bezirksregierung Düsseldorf, Dezernat 10 (Wiedergutmachung), ZK 18, 065, Wiedergutmachungsakte Eugen Schmalenbach: Eugen Schmalenbach, „Bericht über die mir von den Nationalsozialisten zugefügten Schädigungen“ vom 1.11.1948.
  • Zitat Hasenacks: Wilhelm Hasenack, Zum Tode von Prof. (em.) Dr. Friedrich Kürbs, früher Königsberg. Zugleich ein Überblick über das Schicksal von emigrierten und politisch verfolgten deutschen Betriebswirten, in: BFuP, 9. Jg. (1957), S. 81f.
  • Hetzartikel gegen Isaac erschienen in: Stürmer Nr. 32/1930.
  •  Hetzartikel gegen Schmalenbach erschienen in: Stadt-Anzeiger (Nr. 491) vom 28.9.1939.
  • Artikel Nicklischs erschienen in: Die Betriebswirtschaft – Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis, 26. Jg. (1933), S. 173.
  • Brief Fritz Schmidts an Eugen Schmalenbach vom 18. August 1943: Schmalenbach-Archiv, Bestand 70/2.

 

(Peter Mantel)