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Dienstag, 27. Juni 2017
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Kernaktivitäten

 

79. Pfingsttagung des VHB

7. bis 9. Juni 2017 in St. Gallen

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Mehr Theorie wagen

Eine neue Ausbildung für die Praxis?

 

 

Moderation

Prof. Dr. Burkhard Schwenker, Roland Berger Strategy Consultants GmbH

 

Teilnehmer

Prof. Dr. Hans-Ulrich Küpper, Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrstuhl für BWL, Institut für Produktionswirtschaft und Controlling

Prof. Dr. Hans-Helmut Kotz, Senior Fellow am Center for Financial Studies, Goethe-Universität Frankfurt

Prof. Dr. Manfred Kirchgeorg, HHL, Leipzig Graduate School of Management

 

Bericht

Unsere komplexe Wirtschaft hat die Anforderungen an die Unternehmensführung massiv erhöht. Das hat Implikationen auch für die Managementausbildung: Ist der Weg zu mehr Anwendungs- und Praxisorientierung (noch) richtig, oder brauchen wir (wieder) eine stärker theoriefundierte Ausbildung, die analytische Fähigkeiten und interdisziplinäres Denken stärker fördert? Geht es um Case Studies oder um das Zusammenbringen betriebswirtschaftlicher, volkswirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Entwicklungen? Was muss die betriebswirtschaftliche Lehre auf Bachelor-, was auf Masterniveau heute anbieten – und wie, und für wen? –, und wie steht es mit der Akzeptanz in den Unternehmen? Das Panel brachte Praktiker und Wissenschaftler zusammen.

Globalisierung, die steigende Zahl der Akteure am Marktgeschehen, unzutreffende volkswirtschaftliche Prognosen – all das sind Beispiele für Aspekte, die die Führung eines Unternehmens heute in ihre Entscheidungen einbeziehen müssen. Aber auch Moral, Ethik und Werte haben heute eine wichtigere Rolle als früher. Diese Veränderungen erfordern auch eine entsprechende Form der Lehre an den Universitäten, denn Führungskräfte müssen heute in der Lage sein, die daraus resultierende Komplexität zu reflektieren und darüber zu kommunizieren. Vieles von dem, was einst gelehrt wurde, muss heute vielleicht anders gesehen werden.

Neben der Forderung nach Interdisziplinarität im Studium, also dem Zusammenbringen betriebswirtschaftlicher, volkswirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Entwicklungen, waren sich die Podiumsteilnehmer darüber einig, dass das Vermitteln von Theorien und das dazugehörige Methodenwissen in einem betriebswirtschaftlichen Studium unabdingbar sind. Das sind die Handwerkszeuge, die später in der Arbeitswelt gebraucht werden. Studierende müssen konzeptionelles Denken lernen. Sie müssen wissen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern dass die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden müssen. Replizieren des gelernten Stoffes allein reicht nicht aus. Studierende müssen die Möglichkeit haben, ihr eigenes Urteil zu entwickeln, denn das ist das, was später in den Unternehmen verlangt wird.

Auch wenn die Zeit, sich mit ökonomischen Themen auseinanderzusetzen, in den stark strukturierten Bachelor- und Masterprogrammen begrenzt ist, so sollte das Ziel sein, eine Vielfalt von Theorien zu vermitteln. In der Lehre wird oftmals nur auf die „altbewährten“ Theorien (Frameworks) zurückgegriffen, Neues wird häufig wenig eingebracht. In den Unternehmen ist die Zeit für Entscheidungen jedoch später oft knapp. Die Theorien, die gelehrt werden, müssen auch vor diesem Hintergrund entsprechend reflektiert werden.

Dem teilweisen Ruf der Praxis nach einer Reduzierung der theoretischen Ausbildung und mehr Anwendungs- und Praxisorientierung sollte entgegengehalten werden, dass der wachsenden Komplexität nur mit mehr Theorie in der Ausbildung begegnet werden kann. Auch diese Forderung hört man aus der Praxis. Der Wert des theoretischen Denkens sollte stärker verdeutlicht werden. Die Studierenden müssen erfahren, dass dieses Mehr an Theorie für sie positiv ist und die analytischen Fähigkeiten und interdisziplinäres Denken stärker fördert und so auf die Praxis vorbereitet.