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81. Jahrestagung des VHB

12. bis 14. Juni 2019 in Rostock

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Business-School-Konzept für eine Zusammenlegung universitärer und fachhochschulischer Lehre im Saarland

Erklärung des Vorstandes des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft vom 14.5.2014

 

Der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. (VHB) hat mit Überraschung und gleichfalls mit großer Sorge die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur „Weiterentwicklung des Hochschulsystems des Saarlandes“ für den wirtschaftswissenschaftlichen Bereich zur Kenntnis genommen. Im Kern schlägt der Wissenschaftsrat mit der „Business School Saarland“ den saarländischen Einstieg in eine Gesamthochschullösung vor und dabei die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung der Universität des Saarlandes (UdS) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) miteinander zu verschmelzen. Unabhängig davon, dass der Wissenschaftsrat dafür bezeichnenderweise auch selbst keine Vorteile in seinen Empfehlungen herausgestellt hat, verdeutlichen die gescheiterten Implementierungsversuche in anderen Bundesländern die grundsätzlichen Schwächen solcher Fusionen unterschiedlicher Hochschultypen. Hierzu nimmt der VHB wie folgt Stellung:

 

Der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft spricht sich dezidiert gegen die Zusammenlegung von universitärer und fachhochschulischer Lehre in der vom Wissenschaftsrat vorgeschlagenen Form aus.

 

Diese klare und eindeutige Position unseres Verbandes ist inhaltlich wie folgt zu erläutern:

 

Zunächst ist für uns der Begründungszusammenhang der Empfehlungen in keiner Weise nachzuvollziehen. Erfahrungsgemäß ist das betriebswirtschaftliche Lehrangebot an deutschen Universitäten auch aufgrund der hervorragenden Arbeitsmarktaussichten der Absolvent/inn/en stark nachgefragt und leidet daher keineswegs an Unterauslastung. Warum es Ziel eines Bundeslandes sein sollte, ausgerechnet in einem für die Wirtschaft relevanten Ausbildungsbereich „Ressourcen einzusparen“ (S. 11), die „wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge der UdS im Bachelorbereich“ (S. 84) einzustellen und „Profilmerkmale der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung an UdS und HTW zusammenzuführen“ (S. 84), obwohl doch universitäre und fachhochschulische Lehre mit gutem Grund gerade unterschiedliche Profilmerkmale zeigen, erschließt sich nicht. Zudem scheidet bei einem Zusammenlegen überausgelasteter Bereiche die Hoffnung auf finanzielle Einspareffekte – ohne massive Verschlechterung der Betreuungsrelation oder drastischer Studierendenzahlverringerung – zumindest in betriebswirtschaftlicher Logik aus.  

 

Ein Zusammenlegen vom Charakter der Studiengänge zweier unterschiedlicher Hochschultypen wird am Ende beide nachhaltig und irreparabel beschädigen. Der Wissenschaftsrat sitzt hier einem bedauerlichen Missverständnis auf: Denn auch wenn es sich mit der Betriebswirtschaftslehre um das gleiche Fachgebiet handelt, haben fachhochschulisches und universitäres Studium deutlich unterschiedliche Ausbildungsziele sowie verschiedene Adressatengruppen und gehen deshalb auch mit divergenten Ausbildungsinhalten einher. Auch im Ausland, speziell in den USA, haben wir eine solche Trennung, es wird von „Teaching Universities“ einerseits und „Research Universities“ andererseits gesprochen, auch wenn beides (und noch viel mehr) dann unter „Higher Education“ zusammengefasst wird. Um einen bildhaften Vergleich zu nehmen: Auch „Wein“ ist ein einheitlicher Oberbegriff – aber es wäre schlichtweg Nonsens, wenn die saarländischen Winzer, um Ressourcen zu sparen oder Effizienzgewinne zu heben, die gesamte saarländische Weinernte unter dem Stichwort „Wein ist Wein“ zusammen“panschen“. Und so gilt auch und gerade für die Betriebswirtschaftslehre, dass unterschiedliche Konzepte nicht einfach miteinander vermischt werden können, ohne die Grundausrichtung und Vorteile dieser Diversifizierung zu zerstören.

 

Vergleicht man beide Hochschulvarianten im Detail, so ist die an Universitäten gelehrte Betriebswirtschaftslehre keineswegs nur eine angewandte Disziplin kaufmännischer Techniken und Instrumente. Stattdessen wird neben angewandter Forschung in beträchtlichem Umfang ökonomische Grundlagenforschung betrieben und gelehrt, die mit ihren anspruchsvollen formal-analytischen und empirischen Methoden der Sozialforschung bis hin zur Verzahnung mit der Medizin im Fach Neuroökonomie unzweifelhaft zum disziplinären Kern gehört. In einer forschungsgeleiteten Lehre haben sich die Studierenden in abstraktere und auf Komplexitätsbejahung angelegte Denkweisen einzuarbeiten, die für die Bewältigung von Führungsproblemen in der betrieblichen Praxis unabdingbar sind. Die universitäre Betriebswirtschaftslehre befähigt die Studierenden daher nicht nur, betriebswirtschaftliche lnstrumente anzuwenden, sondern eigenständig kritisch zu reflektieren und für neuartige Problemstellungen zu adaptieren.

 

Demgegenüber ist die fachhochschulische Lehre entsprechend ihres gesellschafts- und bildungspolitischen Auftrags stärker auf die unmittelbare Lösung bekannter praktischer Probleme ausgerichtet. Auch das ist wichtig – aber es bedingt didaktisch und inhaltlich einen fundamental anderen Aufbau des Studiums. Um unser Beispiel noch einmal aufzugreifen: Will der Kunde des Winzers einen Rieslingwein, dann darf nun einmal kein Silvaner angebaut werden – und umgekehrt.

 

Auch die Wirtschaft verlangt Absolventen beiderlei Ausbildungstyps und ist bereit, dafür unterschiedliche Gehälter zu entrichten. Man darf annehmen, dass dies auf unterschiedliche Ausbildungsinhalte und betriebliche Einsatzmöglichkeiten schließen lässt. Nicht nur im Saarland, das sich ja gerade – nicht zuletzt unterstützt durch das sehr erfolgreiche Gründerzentrum der UdS – als attraktiver Standort für junge Unternehmen etablieren möchte, werden hervorragend ausgebildete Betriebswirte händeringend gesucht. Die Universitätsabsolventen der Betriebswirtschaftslehre werden für weit mehr gebraucht, als nur betriebswirtschaftliches Standardwissen umzusetzen. Vielmehr müssen sie in immer härter umkämpften, globalen Märkten innovative Methoden nicht zuletzt aus der Grundlagenforschung heraus zielgerichtet und erfolgreich umzusetzen. Wenn durch die geplante Business School Saar derartige Ausbildungsmöglichkeiten in erheblicher Weise reduziert werden, folgt daraus zwingend der Verlust der Attraktivität des universitären Hochschulstandorts Saarland für die betriebswirtschaftliche Ausbildung. Wir sind überzeugt davon, dass gerade dies nicht dem Saarland dient, sondern schadet!

 

Aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtung der Hochschultypen lehnt der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. auch den ebenfalls vorgeschlagenen Einstieg in ein fachhochschulbezogenes Promotionsrecht entschieden ab. Dies gilt auch dann, wenn er über den Umweg einer Gesamthochschulvariante initiiert wird und der Wissenschaftsrat „klare und verbindliche Regelungen für (kooperative) Promotionen an der Business School Saar“ (S. 84) fordert. Der Wissenschaftsrat präjudiziert für das Saarland fahrlässig eine wissenschaftspolitisch bedeutsame Weichenstellung, deren Sinnhaftigkeit bis heute an vielen Stellen klar verneint wird (siehe dazu etwa die aktuelle Stellungnahme des Deutschen Hochschulverbandes; http://www.hochschulverband.de/cms1/fileadmin/redaktion/download/pdf/resolutionen/FH-Promotionrecht.pdf). Gerade in jüngerer Zeit hat sich gezeigt, wie wichtig eine qualifizierte Qualitätskontrolle von Promotionsarbeiten ist; diese kann nur geleistet werden, wenn die betreuenden Hochschullehrer/innen selbst forschen und sich den internationalen Standards von „Research Universities“ stellen.

 

Fazit ist: Universitäre und fachhochschulische Ausbildung sind zueinander komplementär und decken unterschiedliche Ausbildungsbedarfe ab. Die hohe Nachfrage nach betriebswirtschaftlichen Studiengängen an der Universität des Saarlandes und der Hochschule für Technik und Wirtschaft zeugt davon, dass Studenten sich bewusst zwischen diesen komplementären Ausbildungsalternativen entscheiden. Eine Vermischung der Ausbildungsorientierungen würde dieser erfolgreichen Komplementarität zuwider laufen. Das ist aber weder im Interesse des Landes noch zukünftiger Studierenden.

 

Das vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene Experiment einer Business School bedeutet für die universitäre Betriebswirtschaftslehre in Lehre und Forschung einen Ausstieg in Raten. Der langfristige und irreparable Schaden, der hierdurch entsteht, wird ein gravierender Standortnachteil sein und dem Saarland nachhaltig schaden. Der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. legt deshalb den politischen Entscheidungsträgern des Saarlandes dringend ans Herz, das sehr erfolgreiche zweigliedrige Hochschulsystem zu erhalten, um zukünftigen Studierenden Ausbildungsangebote klar und inhaltlich verbindlich unterbreiten zu können.

 

Für den Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e. V.

 

Prof. Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß

Vorsitzender des Vorstandes

 

Prof Dr. Barbara Weißenberger

Stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes

 
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