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Dienstag, 27. Juni 2017
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VHB Gruppe

  

Kernaktivitäten

 

79. Pfingsttagung des VHB

7. bis 9. Juni 2017 in St. Gallen

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Vorstand trifft Vorstand

Titel: Siegen wir uns zu Tode – vergisst die deutsche Wirtschaft im Erfolg ihre Hausaufgaben?

Donnerstag, 12. Juni, 18:00-19:30 Uhr

 

Moderation: Prof. Dr. Burkhard Schwenker, CEO Roland Berger Strategy Consultants Holding GmbH

 

Teilnehmer: 

Dominik Asam, CFO Infineon Technologies AG
Dr. Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender der BASF SE
Matthias Machnig (Wahlkampfleiter SPD, Europawahl 2014)
Prof. Dr. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT (European School of Management and Technology)
Dr. Joachim Lamla, Kaufmännischer Geschäftsführer, Porsche Leipzig GmbH

 

Inhalt:

Die deutsche Wirtschaft steht glänzend da, die Arbeitslosigkeit sinkt auf Rekordniveau, sogar die Inlandsnachfrage zieht an und Deutschland gilt vielen Ländern inzwischen als Vorbild für gelungene Wirtschaftsstruktur und -politik. Gründe für dieses Siegen liegen zuallererst in unserer industriellen Kompetenz. Des weiteren in der einzigartigen Differenzierung, Ansiedlung und Vernetzung wettbewerbsfähiger Unternehmen, wie z.B. im Maschinenbau, der Anlagenfertigung, der Chemie oder der technischen Dienstleistungen. Und dann natürlich auch in dem Potential an „intelligenten Köpfen“, d.s. gut ausgebildete Arbeitnehmer und exzellente Manager.

 

Ein außergewöhnlicher Erfolg birgt allerdings die Gefahr, zu selbstbewusst oder gar selbstzufrieden zu werden. Die Sorge großer Unternehmen wächst, dass man sich zurücklehnt, weil es der Gesamtwirtschaft gut geht, aber dann dabei Gefahr läuft, einzelne Themen zu übersehen.

 

Sieht die deutsche Wirtschaft die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft und stellt sie sich ausreichend darauf ein?

 

Innerhalb des Panels aus Unternehmensführern, Experten und Wissenschaftlern wurde diskutiert, ob und wie der wirtschaftliche Standort Deutschland sich  in den Bereichen industrieller Kompetenz, digitaler Transformation, Investitionsverhalten, Energiewende und Rohstoffe aufstellt.

 

Der deutschen Industrie wird immer wieder vorgeworfen, sie investiere zu wenig in ihrem Heimatland. Die deutsche Investitionsquote sinkt seit Jahren nicht zuletzt bedingt durch die chronische Unterinvestition des deutschen Staates in moderne Infrastrukturen. Aber auch die Investitionen der Unternehmen selber liegen unter dem Durchschnitt des Euroraums – und das seit Jahren. Dabei zahlen sich Investitionen in Deutschland von einer volkswirtschaftlichen Warte her aus: Mit den bei uns getätigten Investitionen wird ein in Relation überproportionales Wachstum erzielt, die Investitionseffizienz ist hoch. Was aber ist in 5-10 Jahren? Investitionen gehen über diesen Zeitraum, bevor sie den Markt beeinflussen. Wachstumsimpulse müssen jetzt schon aus realen Investitionen heraus gesendet werden. Es werden mehr Innovationen im High-Tech-Segment und massive Investitionen in  Qualifizierung und Ausbildung gefordert.  Das Klima an den Universitäten wird als schlecht eingestuft. Die bisherige Stärke Deutschlands - Erfindungen aus Labors und universitären Einrichtungen an den Markt zu bringen - leidet darunter.

 

Eine weitere Stärke des Standortes Deutschland ist seine zentrale Lage in der Mitte Europas mit seinem guten Netz an Zuliefer-  und Absatzwegen. Gute Arbeitskräfte mit hoher Motivation spielen zusätzlich vor allem für kleine und mittlere Unternehmen eine Rolle für Standortentscheidungen in Deutschland. Für große Unternehmen spielt die Internationalisierung allerdings die größere Rolle, Forschung wird nach Asien verlegt, das Ausland als zunehmend stärkerer Kapitalrendite-Ort gesehen.

 

Bedeutet ein hoher Industrieanteil tatsächlich auch künftig hohe Wachstumschancen?

 

Analysen für die letzten Jahre zeigen: Je höher der Industrieanteil einer hochentwickelten Volkswirtschaft, desto dynamischer ihr Wachstum. Deutschland liegt mit seinem Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung weit vorn und wächst bekanntermaßen seit Jahren schneller als seine europäischen Nachbarn. Dieser Vorsprung schmilzt, wenn andere re-industrialisieren (was viele Länder ganz massiv tun, weil sie die Bedeutung industrieller Kompetenz erkannt haben) und wenn wir unsere Industriestärke nicht weiterentwickeln.

 

Die Industrie ist für den deutschen Markt weiterhin ein nachhaltiger Wachstumstreiber, auch wenn im Vergleich zur Vergangenheit die Nachfrage sinkt.

 

Haben die Unternehmen die Herausforderungen der digitalen Transformation wirklich erkannt?

 

Wir beobachten in den hochentwickelten Volkswirtschaften heute eine rasant fortschreitende Informatisierung klassischer Industrien, insbesondere der Produktionstechnik. Gerade für Deutschland, bislang der "Fabrikausrüster der Welt", bietet die digitale Transformation zweifellos große Chancen. Ein entscheidender – vielleicht der entscheidende – Hebel bei der Integration von Elektrotechnik, Maschinenbau und IT ist allerdings die Software, und auf diesem Feld haben wir Nachholbedarf: Vorreiter bei software-basierten Dienstleistungen (Betriebssysteme, Standard-Software, Social Networks, Big Data, Suchmaschinen etc.) sind mit großem Abstand die USA.

 

Die digitale Transformation wird in Deutschland eher von der "Hardware" getrieben, als von der „Software“. Ein zweites „google“ wird nicht in Deutschland entdeckt. Deutschlands Stärken für die digitale Transformation sind eindeutig in den Skills in Elektrotechnik und Maschinenbau, der industriellen Fertigung und den  Erfahrungen in der klassischen industriellen (Produktions-) Prozesssteuerung gesehen. Da Qualifizierungsprobleme und Strukturschwächen dazu führen, dass das Tempo zur Umsetzung bei uns langsamer ist, sind wir hierin gefordert.

 

Das Fazit ist einvernehmlich: die digitale Transformation zerstört den wirtschaftlichen Standort Deutschland nicht.

 

Herausforderung Energiewende: Ist die ökologische Energiepolitik bisher aufgegangen?

 

Die Strompreise, die die deutsche Industrie zahlt, liegen deutlich über  OECD-Durchschnitt – und steigen ständig. Damit ist die Energiewende – zumindest kurz- und mittelfristig – ein Wettbewerbsnachteil für deutsche Unternehmen. Gleichzeitig stimmt aber auch: Sie ist eine Chance für die deutsche Industrie, denn nicht zuletzt durch den hohen Veränderungsdruck ist Deutschland  Weltmarktführer in "Green Tech" und in energieeffizienten und ressourcensparenden Produktionssystemen und Produkten.

 

Was bedeuten die diskutierten Herausforderungen für die Betriebswirtschaftslehre?

Der Versuch, vermeintlich praxisorientierter auszubilden, liefert den Studenten nicht das richtige Rüstzeug für eine erfolgreiche Arbeit in einer volatilen, von einem hohen Grad von Unsicherheit geprägten Umwelt.  Es kommt  deshalb wieder mehr auf Theorie an, auf die Vermittlung von Denkgerüsten und auf ein stärkeres interdisziplinäres Denken. Ein exzellenter Wirtschaftsstandort braucht Exzellenz in der betriebswirtschaftlichen Forschung und Ausbildung.