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Samstag, 25. April 2015
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77. Pfingsttagung des VHB

27. bis 29. Mai 2015 in Wien

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Bericht zur Arbeitstagung

 

Bericht über die Arbeitstagung “Doktorandenausbildung im Wandel: Research Master, PhD-Programme und praxisbezogene Entwicklungskonzepte“ am 9. November 2012 in München

 

Thematik:

 

Am 09. November 2012 fand in der Ludwig-Maximilians-Universität in München eine Arbeitstagung des VHB zum Thema „Doktorandenausbildung im Wandel“ statt. Aufbau, Dauer der Promotionswege und Studienbelastung gewinnen eine immer höhere Bedeutung für Ergebnis und Qualität wissenschaftlichen Arbeitens. Die Belastung, in einer kurzen Promotionszeit von drei bis vier Jahren die erforderlichen Kurse zu absolvieren, Doktorarbeiten zu verfassen und zu veröffentlichen sowie den Lehrbetrieb zu unterstützen, ist kaum mit einem hohen Qualitätsanspruch an das Ergebnis umzusetzen. In der Veranstaltung sollten unterschiedliche, entsprechend unterstützende Programme von Fakultäten in Deutschland, England, der Schweiz und den Niederlanden vorgestellt werden. Unterschiede bezüglich der Ausbildungszeiten und Strukturen, bestehende abkürzende Quereinstiegs- und -ausstiegsprogramme und Finanzierungsrahmen sollten aufgezeigt und die Erfahrungen damit verglichen werden.

 

Nachdem Professor Dr. Manfred Schwaiger als Studiendekan der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Teilnehmer im geschichtsträchtigen Freskensaal der Fachbibliothek Wirtschaftswissenschaften und Statistik willkommen hieß, gab Professor Dr. Richard Hartl als für das Ressort Lehre zuständiges Vorstandsmitglied im VHB eine Übersicht über den Inhalt sowie den Ablauf der Arbeitstagung.

 

Vorträge:

 

MPhil and PhD in the UK: current trends and challenges

Prof. Erkko Autio, Imperial College Business School (ICBS) London

 

Professor Autio ist Direktor der noch jungen PhD-Doktorandenprogramme an der ICBS. Während sich z. B. die London Business School selbst finanziert und daher fünfjährige PhD-Programme anbieten kann, nützt die ICBS die öffentlichen Förderungen und ist daher an ein vierjähriges PhD-Programm gebunden. Das PhD-Studium beginnt mit einem einjährigen Trainingsprogramm, das zunächst maßgeschneidert war, aber nun immer mehr standardisiert wird. Nach diesem Jahr gibt es einen „early stage review“ mit Präsentation der Literaturstudien, der darüber entscheidet, ob man im PhD-Programm bleiben kann oder ins MPhil Programm „downgegraded“ wird. Nach dem zweiten Jahr gibt es noch einen Review. Wer allerdings hier scheitert, geht negativ in die Statistik der Uni ein. Die letzten beiden Jahre sind der Arbeit an der Dissertation gewidmet. Etwa 75 % der Studierenden bekommen eine Finanzierung.

Eine Neuerung wird derzeit eingeführt, nämlich neben MPhil und PhD die neue „exit route“ Master of Research (MRes). Während beim MPhil eine Abschlussarbeit verlangt wird, wird im MRes eine intensive Ausbildung in Research Methods angeboten. Der Studiengang schließt dann ohne Thesis ab.

 

In der Diskussion wurde z. B. besprochen, dass eine empirische Überprüfung des Erfolges der angebotenen Programme, z. B. gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen, derzeit noch nicht möglich ist. Angesprochen auf deutschsprachige Studierende zeigte sich Prof Autio zufrieden mit dem Vorwissen deutscher PhD-Studenten und würde gerne mehr aufnehmen.

 

Stimulating Research: Experiences with the ERIM Doctoral Programme

Prof. Patrick Groenen, Erasmus University Rotterdam

 

Professor Groenen ist Leiter der Doktorandenausbildung an der Erasmus University Rotterdam und verantwortlich für die dortigen MPhil- and PhD-Business-Programme.

Das Erasmus Research Institut of Management (ERIM) ist mit seiner Gründung 1998 ein noch junges Institut und hat doch schon mit 30-35 Dissertationen pro Jahr eines der größten Doktorandenprogramme in Europa ins Leben gerufen. Auch bzgl. Research Output und Sichtbarkeit (Zitationen) sieht sich ERIM neben LBS und INSEAD unter den Top 3 in Europa. Der Forschungserfolg wird durch strenge Leistungsorientierung auf allen Ebenen gefördert, z. B. dadurch, dass Top-Researcher 60% ihrer Zeit für Forschung nutzen können („research ticket“), während dieser Wert für normale Fakultätsmitglieder bei 40% liegt. Dissertationen sind fast ausschließlich kumulativ, wobei im Normalfall drei Papers gefordert werden. Die PhD-Studenten sind ebenso wie ihre Betreuer einer Graduate School zugeordnet. Hierbei können nur jene Professoren Mitglied einer Graduate School sein, die mindestens fünf internationale Publikationen in fünf Jahren geschafft haben, davon eine in „top-core“ Zeitschriften (wie z. B. Management Science oder dgl.). Auf diese Weise soll auch der Zugang zu internationalen Forschungsnetzwerken sichergestellt werden.

Im Management-Bereich ist das PhD-Programm vierjährig, wobei ein Fast Track besteht. So können im zweijährigen MPhil-Studium schon im letzten Jahr die PhD-Kurse besucht werden, sodass man dann nur drei Jahre im PhD-Programm benötigt, in denen man sich voll auf die Forschung konzentrieren kann. Das Forschungs-Proposal wird bereits nach einem Jahr durch externe Betreuer in einer „Stop or Go“-Entscheidung überprüft bzw. zielgemäß ausgerichtet.

Für die Studierenden werden vielseitige Anreize geschaffen. So sind die Kurse, die intern oder extern absolviert werden können, angepasst an die individuellen Erfordernisse. Reisekosten werden übernommen, wenn Arbeiten und Forschungen im internationalen Umfeld vorgestellt bzw. durchgeführt werden. Besonders hochwertige Forschung wird zusätzlich prämiert. Weitere Unterstützung finanzieller Art erhalten die Absolventen dadurch, dass in den Niederlanden PhDs den Status von Angestellten haben und durch mehrjährige Verträge mit ihren Universitäten abgesichert sind.

 

In der anschließenden Diskussion wurde darüber gesprochen, wie und von welchen Personen dieses Programm organisiert wird, und wie der Staat die finanziellen Mittel dafür mit aufbringt. Die Doktorandenausbildung des ERIM wird z. B. durch zehn administrative Personen unterstützt.

 

 

 

Drei verschiedene Tracks der Doktorandenausbildung an der Uni Zürich: Die Idee und Erfahrungen

Prof. Dr. Uschi Backes-Gellner, Universität Zürich

 

Professorin Uschi Backes-Gellner hat am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich den Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere empirische Methoden der Arbeitsbeziehungen und der Personalökonomik, inne. Aus ihren Erfahrungen heraus berichtet sie, dass die Anforderungen an den akademischen Nachwuchs im Hinblick auf methodische und theoretische Grundlagen gestiegen sind. Mit steigender Tendenz haben die jetzt schon mit 55 % Anteil internationalen Studierenden immer unterschiedlichere Vorkenntnisse und Fächerhintergründe, starten mit „modernen“ Abschlüssen wie Master/Bachelor und zeigen sehr unterschiedliche Präferenzen z. B. hinsichtlich Ausbildungsinhalten und –dauer.

Die Universität Zürich bietet angesichts der Herausforderung, der Doktorandenausbildung in dieser sich zunehmend divers zeigenden Situation gerecht zu werden, drei Ausbildungswege an, wobei neben der Ausbildung hervorragender Wissenschaftler auch der Wissenstransfer in die Wirtschaft ein wichtiges Ziel bleibt. Angeboten werden daher: das „klassische“ Doktorat (nur Doktorandenseminare und Dissertation), ein strukturiertes Doktorandenprogramm für Masterabsolventen und ein, ebenfalls strukturiertes, „Fast-Track-Doktorandenprogramm“ für hervorragende Bachelorabsolventen. Eine Promotionsordnung regelt zudem alle Modalitäten im Zusammenhang mit den Prüfungen und den Ausführungsbestimmungen der aktuell vier Spezialisierungsrichtungen (Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre, Banking and Finance, Management and Economics).

Die strukturierten Programme gliedern sich in Pflicht- und Wahlmodule. Anreize für Absolventen werden geschaffen, indem z. B. beim „schnellen“ Weg auch bei nicht erfolgreich abgeschlossener Promotion ein Masterabschluss vorgesehen ist. Nach einem Jahr für PhD-Kurse sollen ca. drei Jahre für die Arbeit an der Dissertation zur Verfügung stehen. Es werden üblicherweise drei Publikationen erwartet, wobei aber die Akzeptanz in Zeitschriften noch nicht vorliegen muss, um eine Promotionsdauer von drei bis vier Jahren zu ermöglichen.

Die Finanzierung der Programme erfolgt überwiegend über Drittmittel oder Stipendien. Frau Backes-Gellner betonte, dass die sich dynamisch verändernden Anforderungen zu einer stärkeren Ausdifferenzierung der genannten Spezialisierungsrichtungen führen werden. Dies schon deshalb, um für die Universitätsausbildungen zu werben. Für die Weiterentwicklung von derartigen Programmen erhalten die Lehrstühle zudem finanzielle Mittel aus staatlichen Fonds.

 

In der anschließenden Diskussion wurde festgestellt, dass die klassische Promotion nicht schlechter gestellt ist als die strukturierten Promotionsprogramme, aber die Veröffentlichungen von Kandidatinnen und Kandidaten, die in Promotionsprogrammen promoviert wurden, wohl auf einem höheren Level liegen. Da diese Programme insgesamt noch jung sind und die ersten Absolventen zum Teil noch ausstehen, gibt es bisher keine genauen Erfahrungswerte.

 

 

 

Fast Track oder Realoption? Erfahrungen mit dem Y-Modell an der LMU

Prof. Dr. Tobias Kretschmer, LMU München

 

Professor Kretschmer berichtete in seiner Zuständigkeit als Programmkoordinator des Doktorandenprogramms an der LMU München, dem „Master of Business Research“ (MBR), von der Herausforderung, die durch unterschiedliche Studienabschlüsse für daran anschließende Doktorandenausbildungen entsteht. Noch ist der MBR ein „Nischen-Abschluss“ auf dem weltweiten Arbeitsmarkt, aber langsam ändert sich diese Sicht.

Diese Ausbildung kann entweder direkt nach einem „diplomäquivalenten Abschluss“ begonnen werden oder man entscheidet sich erst später nach erfolgreichem Abschluss eines klar strukturierten und modular aufgebauten Unterrichtsprogramms, ob man in diese Ausbildung für Nachwuchsforscher oder nicht doch eher in eine Ausbildung für Berufsanfänger einsteigt, wie sie der „Master of Science“ (MSc) bietet (Y- Modell). Für den relevanten „diplomäquivalenten Abschluss“ werden Studienleistungen aus den Kurs-Modulen anerkannt.

Um eine hohe Qualität dieser „Fast-Track“–Lösung des MBR zu gewährleisten und die Universitätskapazitäten nicht zu überlasten, wird versucht, eine maximale Bewerberquote von 5-10 % einzuhalten. Der enthaltene Masterabschluss ist ein guter Anreiz für die Studierenden. Diesem steht durch Vollzeitstudium, zusätzliche Einbindung in den jeweiligen Lehrbetrieb und tariflicher niedriger Einordnung an der Universität eine starke Arbeitsbelastung gegenüber. Als problematisch wird an diesem Modell gesehen, dass das Studium in der bezahlten Arbeitszeit stattfindet und das Abbrecherrisiko für die Lehrstühle nicht durch vertragliche Ausgestaltung ausgeschlossen werden kann. Da eine Betreuungszusage Kernaufnahmepunkt für den MBR ist, kann auch berufsbegleitend promoviert werden.

Das Modell wird von den Studierenden bis jetzt sehr gut angenommen, die Promotionsdauer beläuft sich incl. MBR auf dreieinhalb bis vier Jahre.

 

Die anschließende Diskussion zeigte, dass für die Kursprogramme künftig mehr Strukturen benötigt werden. Dies hemmt zwar einerseits differenziertere Forschung, stellt aber andererseits das erforderliche Basiswissen der Studierenden sicher. Eine künftige mögliche Öffnung für weitere kreative Programme ist beim Y-Modell denkbar.

 

 

 

Masterarbeiten und Dissertationen mit Unternehmen – Chancen und mögliche Probleme

Prof. Dr. Ing.- habil. Wilhelm Dangelmaier, Universität Paderborn

 

Professor Dangelmaier berichtete zunächst aus seinem langjährigen Erfahrungshintergrund mit Doktorandenausbildungen im Bereich der Wirtschaftsinformatik an der Universität Paderborn.

Für das Promotionsstudium in Wirtschaftsinformatik wurde an verschiedenen Beispielen aus der „Paderborner Doktorandenklasse“ gezeigt, wie aus einer erfolgreichen Bearbeitung von Themen für die Industrieunternehmen ein Arbeitsplatz für den Doktoranden werden kann.

Herr Dangelmaier legte in seinen Ausführungen den Schwerpunkt darauf, dass wissenschaftliche Mitarbeiter mit den in ihrer Universitätszeit erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten in Wirtschaftsunternehmen sofort einsetzbar und auf dem Arbeitsmarkt mindestens gleichwertige Konkurrenten zu den sonstigen Nachwuchs-Arbeitnehmern sein sollten. Neben der Förderung durch DFG-Drittmittel wird ein großer Teil der Doktorandenausbildung auch durch die Industrie finanziert. Die Promotion sollte daher aus der Perspektive der Praxis industrierelevant sein. Die Betreuung des Studierenden wird an das Industrieunternehmen abgegeben.

Die oft immense Bedeutung des Forschungsergebnisses für das Industrieunternehmen spielt für die wissenschaftliche Bewertung durch die Promotionskommission keine Rolle. Da die Industriestipendien oft nur über drei Jahre laufen, sollte die Promotionszeit ebenfalls nicht länger dauern.

 

Die anschließende Diskussion befasste sich mit der übergreifenden Fragestellung nach Interessenkonflikten zwischen den Lehrstuhlinhabern und der Industrie.

 

 

 

Im Anschluss an die Vorträge fasste Herr Hartl die Erkenntnisse aus der Arbeitstagung zusammen. Der Trend bei der Aufstellung von Programmen in der Doktorandenausbildung geht dahin, diese vermehrt zu strukturieren und den Studierenden als Anreiz die Möglichkeit einzelner „Zwischen“-Abschlüsse zu geben, auch wenn hierfür die internationale Anerkennung erst noch wachsen muss. Da die meisten Programme noch relativ jung sind, wäre es denkbar, in einer weiteren Veranstaltung zu diesem Thema in ein paar Jahren dann die bis dahin aufgelaufenen Erfahrungswerte als Schwerpunkt zu setzen.

 

Herr Hartl bedankte sich bei den Referenten und den Zuhören und schloss die Veranstaltung.

 

Während der Pausen gab es intensive Gespräche zwischen Referenten und Teilnehmern und einen regen Erfahrungsaustausch. Die Arbeitstagung verlief mit 28 Teilnehmern erfolgreich und erhielt ein positives Feedback. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an alle Referenten sowie an die Ludwig-Maximilians-Universität in München für die organisatorische Unterstützung und das Bereitstellen der Räumlichkeiten.