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Donnerstag, 19. Januar 2017
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VHB Gruppe

  

Kernaktivitäten

 

79. Pfingsttagung des VHB

7. bis 9. Juni 2017 in St. Gallen

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Bericht zur Arbeitstagung

 

  

Der Einsatz von Fallstudien in der betriebswirtschaftlichen Ausbildung

 
Thematik

 

Am 12. November 2010 fand an der Universität Graz eine Arbeitstagung des VHB zum Thema „Der Einsatz von Fallstudien in der betriebswirtschaftlichen Ausbildung“ statt. Zielsetzung der Arbeitstagung war, über unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten von Fallstudien zu informieren und zu diskutieren, Vor- und Nachteile dieser Lehrmethode transparent zu machen und damit den Kolleginnen und Kollegen bei ihrem Einsatz von Fallstudien wertvolle Erfahrungen und Hinweise zu liefern.

 

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden des VHB, Prof. Dr. Dr. h.c. Alfred Wagenhofer gab der Programmverantwortliche der Arbeitstagung, Prof. Dr. Andreas Pfingsten, eine Übersicht über den Ablauf der Arbeitstagung und stellte die Referenten und die Themen vor. Für besonders wichtig hielt er den Austausch zwischen Teilnehmern und Referenten während der gesamten Tagung, weshalb genügend Raum für Diskussionen gelassen wurde.

 

  

 

Vorträge

 

 

Der Nutzen des Einsatzes von Fallstudien aus pädagogischer / didaktischer Sicht
Prof. Dr. Peter F. E. Sloane (Universität Paderborn)

Den ersten Vortrag hielt Prof. Sloane mit einer Einführung zum Thema Fallstudien und deren sinnvolle Einsatzmöglichkeiten in der Lehre. Er stellte verschiedene Vorgehensweisen vor, mit denen Fallstudien bearbeitet werden können. Prof. Sloane wies darauf hin, dass ein wesentlicher Aspekt beim Einsatz von Fallstudien die Nutzenfrage sein muss. Fallstudien müssen praktische Sachverhalte authentisch wiedergeben. Die Reduktion des wissenschaftlichen Sachverhalts muss dabei in der tatsächlichen Situation wahrheitsgetreu erhalten werden. Ein Vorteil von Fallstudien ist, dass man beispielsweise getrennt analysierte betriebswirtschaftliche Probleme zu komplexen Einheiten zusammenführen kann.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem festgehalten, dass Fallstudien bewertbar, d. h. zur Notengebung benutzt werden können, wenn man zuvor die Bewertungsbedingungen festgelegt hat. Den größten Nutzen erbringen Fallstudien dann, wenn es den Studierenden gelingt, die in den Studien erlernten Inhalte nicht nur fallbezogen anzuwenden, sondern sie in ihre Alltagserfahrung zu integrieren.

  

 

Die Verwendung von Harvard Cases an einer deutschen Fakultät
Prof. Dr. Stephan Zelewski (Universität Duisburg-Essen, Campus Essen)

Prof. Zelewski berichtete in seinem Vortrag über den Einsatz von Harvard Case Studies an der Universität Duisburg-Essen und seinen Erfahrungen mit den Studenten. Die Case Studies in Essen werden nach dem Basisstudium im 5. Semester angeboten. Ziel ist es, ein Problem in einer Fallstudie aus allen Blickwinkeln zu bearbeiten und so Fragestellungen aus der Wirtschaftspraxis mit betriebswirtschaftlichen Methoden zu bearbeiteten. Studenten entwickeln und bewerten hierbei Vorschläge zur Problemlösung selbstständig. Durch Gruppenarbeit soll die Sozialkompetenz gefördert werden. Während eines Semesters wird eine Fallstudie bearbeitet. Zu den Case Studies werden Hausarbeiten verfasst, die eine knappe Zusammenfassung, eine Diagnose und eine Therapie enthalten sollen. Die Studenten finden bei der Bearbeitung der Case Studies besonders die Praxisnähe attraktiv. Schwierig für die Studierenden sind u. a. die Problemidentifikation sowie die Fokussierung in der Zusammenfassung. Auffällig ist, dass zusätzliche Fachliteratur kaum genutzt wird und das Interpretieren der einzelnen Ergebnisse eher gering ausfällt. Auch die Teambildung ist ein heikles Thema, da unter den Teammitgliedern oft unterschiedliche Leistungsansprüche bestehen.

 

Die Bearbeitung einer Fallstudie läuft i. d. R. dergestalt ab, dass es zu Beginn eine Einführungsveranstaltung des Dozenten und danach eine Einführungsveranstaltung eines Consultant aus der Praxis gibt. Danach beginnen die Bearbeitungsphasen. Jedes Team bearbeitet eine eigene Problemstellung. Bei Bedarf werden Probleme mit den Teams individuell besprochen. Zum Abschluss gibt es zwei bis drei Präsentationstage. Jedes Team stellt seine Bearbeitung vor. Zuvor werden die fertigen Hausarbeiten ins Netz gestellt, die sich jeder Teilnehmer durchlesen soll. Die anschließende Diskussion geht in die Notenleistung ein, was die Teilnehmer dazu bringt, sich auch auf die anderen Studien vorzubereiten. Es werden 20 Studierende pro Semester zugelassen. Es gibt aber wesentlich mehr Bewerber, da der Kurs sehr begehrt ist.

 

Für Harvard Case Studies entschied man sich in Essen, da alleine der Name „Harvard“ Leute anzieht. Außerdem wurden durch andere Drittmittelprojekte die Erfahrung gesammelt, dass sich viele Betriebe nicht für Fallstudien hergeben, da sie befürchten, damit Firmengeheimnisse preiszugeben.

 

 

Die Durchführung von Fallstudien in Zusammenarbeit mit Unternehmen
Jun.-Prof. Dr. Felix Reimann (WHU Vallendar)

Jun.-Prof. Reimann berichtete über die Erfahrungen beim Entwickeln von Fallstudien in Zusammenarbeit mit Unternehmen.

 

Der Einsatz von Fallstudien findet in Vallendar im Bachelorstudium während des letzten Semesters statt. Die Studien behandeln möglichst aktuelle Themen aus Unternehmen. Dafür müssen die Unternehmen natürlich bereit sein, Informationen herauszugeben. Dies gelingt, und die meisten Fallstudien samt Lösungsvorschlägen werden häufig sogar zur Veröffentlichung freigegeben. Falls Unternehmen sich scheuen, eine Studie freizugeben, wird der Fall zunächst ein bis zwei Jahre liegen gelassen oder verfremdet.

 

Die Studierenden arbeiten gemeinsam drei bis vier Monate im Team mit dem Ziel, die Arbeiten am Ende zu veröffentlichen und international zu vertreiben. Die Motivation für die Studierenden ist, dass sie kurz darauf in die Praxis gehen und durch die Fallstudie potentielle Arbeitgeber kennen lernen. Auch für die Unternehmen ist eine hohe Motivation, dass sie während der Zusammenarbeit potentielle Mitarbeiter kennenlernen. Um eine sinnvolle Benotung der Fallstudien zu gewährleisten, werden neben der Endnote die Zwischenstände benotet.

 

Das Programm läuft bereits seit sieben Jahren erfolgreich mit bisher über 60 veröffentlichten Fallstudien. Beteiligt sind auch namhafte Unternehmen. Von den eingenommenen Geldern werden neue Case Studies (inklusive der anfallenden Reisekosten der Studierenden) unterstützt, sodass sich das Programm mittlerweile selber trägt.

 

Für die Studierenden gibt es auch das Angebot, direkt mit Unternehmen Fallstudien zu erarbeiten. Üblicherweise schreiben dann vier bis fünf Personen über ein Thema aus dem Unternehmen. Dadurch werden die Teilnehmer im Case Writing gefördert und lernen das Unternehmen kennen. Der Vorteil für das Unternehmen ist, dass es eine maßgeschneiderte Fallstudie bekommt. Diese kann später in Trainee-Programmen eingesetzt oder zur Orientierung für neue Mitarbeiter verwendet werden. Die Erarbeitung der Fallstudien dauert i. d. R. sechs Monate, in denen auch eine Reihe von Workshops stattfinden. Das Programm läuft gut, da es eine zunehmende Skepsis der Unternehmen gegenüber amerikanischen Case Studies gibt.

 

Am Ende seines Vortrages machte Jun.-Prof. Reimann dem VHB den Vorschlag, Fallstudien zu fördern, da diese immer mehr international an Bedeutung gewinnen.

 

 

Der Einsatz medial gestützter Fallstudien in der Lehre
Dipl.-Kfm. Michael Budt (Universität Münster)

Die Forderung nach medialer Unterstützung in der Lehre ist keine Neuheit. Dazu zählen z. B. Videos, Tonsequenzen und die komplette Simulation von Fallstudien. Die Vorteile sind ein hohes Maß an Anschaulichkeit, hohe Realitätsnähe und sehr ausführliche Unterlagen.

 

Herr Budt führte einen kurzen Auszug aus einem Film über eine Fallstudie vor, der an der Universität Münster erfolgreich eingesetzt wird. Der Film dauert ca. 50 Minuten und wird in einer Präsenzveranstaltung mit anschließender Diskussion gezeigt. Danach haben die Studierenden 10 Tage Bearbeitungszeit in Teams. Während dieser Zeit können Sie über ein dafür eingerichtetes Forum mit den Betreuern kommunizieren. Zum Abschluss gibt es eine Präsentation.

 

Da das Projekt sehr neu ist, sind noch keine derartigen Cases veröffentlicht worden.

 

Für die Erstellung des Films wurden eine dreimonatige Diplomarbeit und drei bis vier Monate Aufbereitungszeit benötigt. Die Kosten beliefen sich auf ca. 5.000 Euro. Der Film wird während einer Präsenzveranstaltung vorgeführt, da sich daraus meist eine Diskussion entwickelt. Der Einsatz in der Lehre wird noch beobachtet.

 

 

Erfahrungen aus Fallstudien-Workshops für Dozenten
Prof. Dr. Thomas Wrona (ESCP Berlin)

Prof. Wrona berichtete über die Teilnahme eines Workshop zur Lehre mit Fallstudien an der Harvard University im Sommer 2010.  Ganz entsprechend der Case Studies-Methode wurde dieser Workshop ebenfalls mit Case Studies abgehalten. Es wurden mehrere Fallstudien in Gruppen bearbeitet. Es gab 145 Lehrende, die in zwei Gruppen parallel am Workshop teilnahmen. Die Gruppen wurden nach Kriterien zusammengestellt, die eine möglichst hohe Heterogenität erreichen sollten. Es gab strikte Beteiligungsregeln, und es wurde großer Wert auf die Beteiligung im Plenum gelegt.

 

Die Lehrtätigkeit in Harvard ist vollkommen anders angelegt als an hiesigen Universitäten üblich ist. Die Rolle des Dozenten ist eher die eines Moderators. Es wird viel Wert auf Mitarbeit gelegt. Außerdem werden ausschließlich Tafeln verwendet und keine Power Point Präsentationen. Die Gesamtnote setzt sich aus 50 % Beteiligungsnote und 50 % Klausur zusammen. Um die Beteiligungsnote fair zu vergeben, werden Beobachter eingesetzt. Die Kurse bestehen zum großen Teil aus Diskussionen.

 

Prof. Wrona merkte an, dass diese Art zu lehren in Deutschland schwer umsetzbar sei. Es sei fast unmöglich, ohne zusätzliche Mitarbeiter eine Beteiligungsnote zu vergeben, und es sei viel Nacharbeit nötig.

 

 

Am Ende jedes Vortrages, zum Ende der Veranstaltung sowie während der Pausen gab es intensive Gespräche zwischen Referenten und Teilnehmern und einen regen Erfahrungsaustausch, der die Veranstaltung sehr belebte.

 

Die Arbeitstagung verlief sehr erfolgreich und erhielt ein positives Feedback. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an alle Referenten sowie an die Universität Graz für die organisatorische Unterstützung.