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Thursday, October 19, 2017
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Kernaktivitäten

 

80. Pfingsttagung des VHB

23. bis 25. Mai 2018 in Magdeburg

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Der Entdeckungszusammenhang in der wissen-schaftlichen Praxis –

 

Alles bestens oder irrelevante Themen, irreführende Rankings und absurde Anreize?

 

 

Moderation

PD Dr. Michaela Haase, FU Berlin

 

Teilnehmer

Prof. Dr. Dr. h.c. Sönke Albers, KLU Hamburg

Prof. Dr. Dr. h.c. Alfred Kieser, Universität Mannheim

Prof. Dr. Sascha Spoun, Leuphana Universität Lüneburg

 

Bericht

In der Wissenschaftstheorie wird zwischen dem Entdeckungs- und dem Begründungszusammenhang bei der Erzielung wissenschaftlicher Erkenntnisse unterschieden. Zum Begründungszusammenhang gibt es verschiedene, wenn auch kontroverse Vorschläge. Diese sind Gegenstand von Wissenschaftstheorie und Methodologie. Der Entdeckungszusammenhang kann nach wie vor als „under-researched“ betrachtet werden. Für die meisten Wissenschaftstheoretiker, wie z.B. Popper, ist der Entdeckungszusammenhang jenseits methodologischer Reflektion. Wenig beachtet wurde bisher auch, dass der Entdeckungs- und der Begründungszusammenhang nicht so unabhängig voneinander sind: Ein enger Zusammenhang besteht z. B. dann, wenn bevorzugt das „entdeckt“ wird, was sich auch gut „begründen“ lässt. Beschäftigen sich Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen mit den Themen, die sie selbst für relevant oder interessant halten, oder mit denen, die gerade „in“ sind oder bezüglich derer etablierte Methoden existieren, deren Anwendung die Wahrscheinlichkeit einer Publikation der Ergebnisse in renommierten Journals steigert?

 

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen folgende Fragen:

1.    Wie kommen die inhaltlichen Schwerpunkte einer wissenschaftlichen Gemeinschaft zustande? Sind die erkennbaren Schwerpunkte die Folge einzelner Forscherentscheidungen oder von Förderprogrammen? Hat der Verband auch eine wissenschaftspolitische Aufgabe bzw. sollte er bestimmte Themen gezielt fördern?

2.    Warum sind bestimmte Forschungsgebiete (z. B. Nachhaltigkeit sowie Unternehmens- und Wirtschaftsethik) – relativ zu der Relevanz, die ihnen innerhalb und außerhalb der betriebswirtschaftlichen Community zugesprochen wird – in Forschung und Lehre unterrepräsentiert? Warum haben umgekehrt bestimmte andere Ansätze großen Erfolg? Welche Anreize werden durch das Hochschulmanagement, Peer Reviews und Rankings gesetzt? Woran kann sich der wissenschaftliche Nachwuchs orientieren?

3.    Wie bilden sich Routinen und Muster des Publizierens heraus, warum gelangen bestimmte Themen in Journals (oder können sich dort halten), während andere nur langsam an Boden gewinnen?

 

Der erste Beitrag (Sönke Albers) befasste sich mit der Frage, ob man Inhalte in der Wissenschaft steuern kann, ob es Sinn macht, diese zu steuern, wovon die Akzeptanz verschiedener Forschungsgebiete abhängt und welchen Einfluss Rankings ausüben. Während der Veranstaltung wurde festgestellt, dass Forschung durchaus durch Geldmittel, die zur Verfügung gestellt werden, inhaltlich gesteuert werden kann. Entscheidungen, auf welchem Gebiet mehr oder weniger geforscht werden soll, sollten sehr differenziert getroffen werden und es sollten nicht zu viele Kräfte auf einem Gebiet gebündelt werden. Nicht einzelne Kriterien, sondern „der Markt“ entscheidet, welche Themen relevant sind. Relevante Forschung findet Aufmerksamkeit; „rigor“ ist eine formale Voraussetzung dieser Beachtung. So haben mittlerweile auch früher kaum beachtete Themen (wie CSR) mittlerweile Eingang in die Top-Journals gefunden.

Die Anreizsysteme basierend auf Rankings sind nicht grundsätzlich verfehlt. Die Anreize sind wie ein Medikament – sie haben die gewünschten Hauptwirkungen, aber durchaus auch unerwünschte Nebenwirkungen. So verhält es sich auch mit den Rankings. Wichtig ist, darauf zu achten, welche Hauptwirkung man erzielen möchte, und die Nebenwirkungen sollten dabei so gering wie möglich gehalten werden. Man kann sagen, dass die Institutionen bereits begonnen haben gegenzusteuern.

 

Der zweite Beitrag (Alfred Kieser) hatte die „Fehlsteuerung der Theorieentwicklung in der BWL durch Rankings“ zum Titel. In diesem Beitrag wurde Kritik an den Rankings und der Bewertung von Wissenschaftlern durch Impact Factors geäußert; diese können zu falschen Schlüssen führen bzw. sie erfüllen nicht den Zweck, der ihnen zugedacht ist. Rankings sind daher bestenfalls nutzlos; im ungünstigen Fall irreführend. Besonders ungünstig sind die strukturbildenden Wirkungen der Rankings. Die Autonomie des Wissenschaftlers, Themen frei wählen zu können und diese selbst gewählten Themen mit hoher Motivation zu bearbeiten, wird nicht unterstützt bzw. sogar konterkariert. Quantitative Forschung bzw. methodische Raffinesse wird in besonderem Maße „belohnt“. Das Schreiben von Büchern wird in diesem System nicht unterstützt. Auf der Basis der Impact Factors werden Dinge verglichen, die nicht vergleichbar sind.

Es kann bezweifelt werden, dass es die besten Aufsätze in die Top-Journals schaffen: Einerseits finden sich auch in Top-Zeitschriften Aufsätze, die nie oder kaum zitiert werden. Andererseits sind Aufsätze aus Zeitschriften mit großer Gewichtung nicht zwangsläufig besser als Aufsätze aus Zeitschriften mit weniger guter Gewichtung. Weiterhin sind Top-Zeitschriften oft am Mainstream bzw. allgemein ausgerichtet. Interessante Forschung ist aber oft sehr speziell und hat es oft schwer, die passenden Gutachter zu finden.

 

Der dritte Beitrag (Sascha Spoun) stellte einleitend die Situation der Hochschulleitung dar, die sich zwischen verschiedenen Stakeholder-Anforderungen und deren jeweiligen „Logiken“ befindet. Aber auch die Betriebswirtschaftslehre sieht sich Anforderungen gegenüber. Vor dem Hintergrund von Unternehmenskrisen, Managerboni und der Finanz? und Wirtschaftskrise wird ein Legitimationsproblem der Betriebswirtschaftslehre festgestellt. Auch wenn dieses nicht gerechtfertigt sein mag, ist es erforderlich, sich ihm zu stellen, damit das Fach weiter Wirkung erzielt, Begeisterung erzeugen kann und Unterstützung erhält. Die BWL kann diesem Legitimitätsproblem begegnen, indem sie sich als Wissenschaft in den Dienst des gesellschaftlichen Fortschritts stellt, z. B. durch die Entwicklung von Wissen und Kompetenzen in Bereichen, die gesellschaftlich relevant sind, und indem sie Unternehmensethik, Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility als normativen Orientierungsrahmen und integralen Bestandteil des Fachs auffasst.

 

In der eröffneten Diskussion wird argumentiert, dass wissenschaftliche Arbeit, die sich nur am Mainstream orientiert, falsch verstanden wurde. Man muss intrinsisch motiviert sein, das lehren, was einem selbst Spaß macht. Die Faszination des Themas macht viel aus. Auch Themen, die nicht der „Mode“ entsprechen, sind interessant, man muss offen für verschiedene Richtungen bleiben. Eine positive Wirkung von Rankings in diesem Zusammenhang ist, dass international relevante Forschung motiviert wird und man nicht nur „im eigenen Saft kocht“.

Es lässt sich jedoch beobachten, dass die Kritik an Rankings weiter zunimmt. Sie werden zu mächtig und viele Fakultäten werden sich immer ähnlicher. Die Diversität der Fakultäten nimmt mit Rankings immer mehr ab.

 

In der Diskussion wird deutlich, dass die Meinungen über Rankings weit auseinander liegen: Es gibt Befürworter und Kritiker. Wichtig für die Forschung bleibt die Motivation des Einzelnen und diese Begeisterung sollte gefördert werden.