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Friday, December 15, 2017
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Kernaktivitäten

 

80. Pfingsttagung des VHB

23. bis 25. Mai 2018 in Magdeburg

 

 

 

Wissenschaftliche Kommissionen

Rigour versus Relevance – Anregungen zum Generalthema der 69. VHB-Tagung

    

Der berühmte Graben, der die „Theorie“ von der „Praxis“ trennt, wurde schon beklagt, lange bevor die Akademisierung kaufmännischen und administrativen Praktikerwissens im Rahmen der Handelshochschulbewegung einsetzte. Auch in den Anfängen der Betriebswirtschaftslehre war die Praxis nicht von ihrem Nutzen überzeugt (vgl. Walter-Busch, 1996, S. 35). Dabei begreift sich die Betriebswirtschaftslehre seit jeher als angewandte Wissenschaft, geprägt also vom Anspruch nicht nur nach wissenschaftlicher Qualität (rigour), sondern gleichermaßen Relevanz für die Praxis (relevance). Dennoch wird ihre praktische Irrelevanz seit langem – und über viele Subdisziplinen hinweg – beklagt, in den USA gleichermaßen wie in Europa. Der Graben zwischen Wissenschaft und Praxis scheint sich dabei immer weiter zu vertiefen. In den letzten Jahren hat sich die Debatte intensiviert, international (siehe z. B. die Sonderhefte hierzu in Academy of Management Review 2001 und British Journal of Management 2002 sowie die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis angesiedelte Zeitschrift Accounting Horizon und Barton, 1982; Baker, 2000; Largay III, 2001; Verstegen, 2004) und auch für die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre (siehe z. B. Kieser und Nicolai, 2003; Meffert, 1998; Oesterle, 2006) wird der Ruf nach einer engeren Verzahnung von Erklärungs- und Gestaltungsfunktion lauter.


Gründe der sich intensivierenden Auseinandersetzung mit dem Theorie-Praxis-Verhältnis der Betriebswirtschaftslehre werden u. a. im zunehmenden Wettbewerb um Studierende wie auch in der Evaluation der Lehrenden gesehen, die den Druck verstärkten, anwendungsorientiertes Wissen zu vermitteln (vgl. Hasan, 1993; Oesterle, 2006; Zell, 2005). Im deutschsprachigen Raum ist auf die umfassenden Reformen und Veränderungen der letzten Jahre zu verweisen – und die sich hieraus ergebenden Anpassungs- und Veränderungsprozesse auch für die Betriebswirtschaftslehre. Dennoch wird gleichermaßen „der Stand des Wissens um die tatsächliche Anwendungsorientierung der Betriebswirtschaftslehre als defizitär bezeichnet“ (Oesterle, 2006, S. 309). Jenseits des Anekdotischen werde nur selten ernsthaft untersucht, „was von einer ‚applied science’ zu erwarten ist und wie der Prozess der Wissensanwendung aussehen kann“ (Nicolai, 2004, S. 100, vgl. auch Baker, 2000). Trotz vergleichbarer Problemlagen in anderen Bereichen der Sozialwissenschaften, wie bspw. in der Soziologie, der Psychologie, den Politikwissenschaften oder der Pädagogik, würden zudem nur vereinzelt Anschlüsse an deren diesbezügliche Diskurse gesucht.


Die dominierende Strömung der derzeitigen Relevanzdebatte fordert eine „Pragmatic Science“ (Anderson et al., 2001), die trotz der unterstellten orthogonalen Beziehung zwischen beiden Konzepten gleichzeitig den Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit und praktischer Verwertbarkeit genügt: „Only work that is rigorous both theoretically and methodologically and centred on issues of focal concern to a wide community of stakeholders (e.g. managers, governement policy makers, trades unionists, and consumer groups) will truly bridge the relevance gap, theregy meeting the ‚double hurdles for management research’“ (Hodgkinson et al., 2001, mit Verweis auf Pettigrew, 1997). Andere Analysen unterstreichen die selbstreferentielle Eigendynamik wissenschaftlicher Kommunikation und eine „trade-off“-Beziehung zwischen „rigour“ und „relevance“ als Folge wissenschaftlicher Disziplinenbildung (vgl. Nicolai, 2004; Kieser und Nicolai, 2003). Wie Öl und Wasser verhielten sich beide Kulturen, die wissenschaftliche und die ratgebende, zueinander: „It is easy to describe the intended product, less easy to produce it. And the task is not finished, when the goal has been achieved. Left to themselves, the oil and water will separate again“ (Simon, 1976, S. 338). Beide Ziele könnten also nicht ohne weiteres gleichzeitig erreicht werden. Entsprechend finden sich im Vergleich zur ersten Sicht deutlich konträre Ursachenanalysen und Lösungsvorschläge.


Zwischen beiden Sichten zu vermitteln, streben Versuche an, die beispielsweise den Begriff der „relevance“ weiter fassen, von einem engen, instrumentellen Verständnis der Relevanz als „direct applicable problemsolving technologies“ abrücken (Kieser und Nicolai, 2005, S. 278; siehe ähnlich z. B. auch Varadarajan, 2003, S. 370ff.). Diskussionen über Ansätze als „intellectual bridges across the academic-practitioner ‚relevance gap’“ finden sich gleichermaßen auf eher wissenschaftstheoretischer Ebene (siehe z. B. Aram und Salipante Jr., 2003), mit dediziertem Bezug auf einzelne Forschungsansätze (siehe z. B. zur Aktionsforschung bei Aram und Salipante Jr., 2003, S. 192, oder konträr hierzu bei Thomae, 1999) und empirische Methoden (siehe z. B. zu „controlled experiments“ bei Taylor III et al., 2003). Und auch in vielen Disziplinen der Betriebswirtschaftslehre gibt es Diskurse, die sich dezidiert mit dem Thema auseinandersetzen (siehe z. B. bei Largay III, 2001, im Accounting, El Sawy et al., 2006, im Bereich der „Information systems research“, Varadarajan, 2003, im Marketing, Hill et al., 1999, im Operations Management, Andriessen, 2004, im Bereich der Organisationswissenschaften oder Dodge et al., 2005, im Bereich der öffentlichen Verwaltung). Immer noch zahlreiche offene Fragen und die zunehmende Relevanz des Themas unterstreichen Varadarajans Einschätzung, dass „discussion and debate centering on questions pertaining to relevance and rigour of scholarly research in the business disciplines (…) is likely to continue well into the future“ (2003, S. 374).

 

Mögliche Themenbereiche für Beiträge zum Generalthema der VHB-Tagung sind über alle drei dargelegten Sichten und ihre entsprechenden Diskurse denkbar, sei es mit eher wissenschaftstheoretischem Blick oder mit Fokus auf Methodologien, Forschungsansätze, Methoden, oder sei es aus der Perspektive der Wissenschaft, der Dyade aus Wissenschaftler und Praktiker oder in breitem Blick auf das „stakeholder“-Netz, sei es für die Betriebswirtschaftslehre in toto oder über Subdisziplinen differenzierend, sei es konzeptionell/theoretisch oder empirisch.

  

 

Literatur zum Rahmenthema

Anderson, N., Herriot, P., Hodgkinson, G. P., 2001. The practitioner-researcher divide in industrial, work and organizational (IWO) psychology: Where are we now, and where do we go from here? Journal of Occupational and Organizational Psychology, Vol. 74, No. Supplement 1, S. 391-411.
Andriessen, D., 2004. Reconciling the rigor-relevance dilemma in intellectual capital research. Learning Organization, Vol. 11, No. 4/5, S. 393-401.
Aram, J. D., Salipante Jr., P. F., 2003. Bridging scholarship in management: Epistemological reflections. British Journal of Management, Vol. 14, No. 3, S. 189-205.
Baker, C. R., 2000. Towards the increased use of action research in accounting information systems. Accounting Forum, Vol. 24, No. 4, S. 366-378.
Barton, A. D., 1982. Chambers` Contributions to Analytical Rigour in Accounting. ABACUS, Vol. 18, No. 2, S. 119-129.
Dodge, J., Ospina, S. M., Foldy, E. G., 2005. Integrating rigor and relevance in public administration scholarship: The contribution of narrative inquiry. Public Administration Review, Vol. 65, No. 3, S. 286-300.
El Sawy, O. A., Galliers, R. D., Loebbecke, C., et al., 2006. Beyond rigor and relevance towards responsibility and reverberation: Information systems research that really matters. Communications of AIS, Vol. 2006, No. 17, S. 2-26.
Hasan, S. M. J., 1993. Business schools: Ostrich syndrome. Journal of Organizational Change, Vol. 6, No. 1, S. 47-53.
Hill, T., Nicholson, A., Westbrook, R., 1999. Closing the gap: A polemic on plant-based research in operations management. International Journal of Operations & Production Management, Vol. 19, No. 2, S. 139-156.
Hodgkinson, G. P., Herriot, P., Anderson, N., 2001. Realigning the stakeholders in management research: Lessons from industrial, work and organizational psychology. British Journal of Management, Vol. 12, No. Special Issue, S. S41-S48.
Kieser, A., Nicolai, A., 2003. Mit der Theorie die wilde Praxis reiten, valleri, vallera, valleri? Die Betriebswirtschaft, Vol. 63, No. 5, S. 589-594.
—, 2005. Success factor research: Overcoming the trade-off between rigor and relevance? Journal of Management Inquiry, Vol. 14, No. 3, S. 275-279.
Largay III, J. A., 2001. Three Rs and four Ws. Accounting Horizons, Vol. 15, No. 1, S. 71-72.
Meffert, H., 1998. Herausforderungen und die Betriebswirtschaftslehre - Die Perspektive der Wissenschaft. Die Betriebswirtschaft, Vol. 58, No. 6, S. 709-727.
Nicolai, A., 2004. Der „trade-off“ zwischen „rigour“ und „relevance“ und seine Konsequenzen für die Managementwissenschaften. Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Vol. 74, No. 2, S. 99-118.
Oesterle, M.-J., 2006. Wahrnehmung betriebswirtschaftlicher Fachzeitschriften durch Praktiker. Die Betriebswirtschaft, Vol. 66, No. 3, S. 307-325.
Pettigrew, A., 1997. The double hurdles for management research. In: Clarke, T.: Advancement in organizational behaviour: Essays in honour of Derek S. Pugh. London, Darthmouth, S. 277-296.
Simon, H. A., 1967. The business school: A problem in organizational design. In: Simon, H. A.: Administrative behavior: A study of decision making processes in administrative organization. New York, Free Press, S. 1-16.
Taylor III, L. A., Goodwin, V. L., Cosier, R. A., 2003. Method myopia: Real or imagined? Journal of Management Inquiry, Vol. 12, No. 3, S. 255-263.
Thomae, M., 1999. Die Managementlehre auf dem Irrweg der Aktionsforschung. Die Unternehmung, Vol. 53, No. 4, S. 287-293.
Varadarajan, P. R., 2003. Musings on relevance and rigor of scholarly research in marketing. Journal of the Academy of Marketing Science, Vol. 31, No. 4, S. 368-376.
Verstegen, B., 2004. What is beneficial for the scientist will that be beneficial for us? Critical Perspectives on Accounting, Vol.15, No. 4/5, S. 697-700.
Walter-Busch, E., 1996. Organisationstheorien von Weber bis Weick. Amsterdam, G + B Verlag Fakultas.
Zell, D., 2005. Pressure for relevancy at top-tier business schools. Journal of Management Inquiry, Vol. 14, No. 3, S. 271-274.